Spiel 19: Remember Wayne Gretzky!

dutzendChristian Gerum war spät dran. Reemt Pyka, Herberts Vasiljevs und Francois Sills standen wahrscheinlich schon auf dem Eis, da radelte der Verteidiger in seinem weißen Schöller-Trikot und Hochwasserhosen noch den Dutzendteich entlang – langsam aber stetig dem dramtischen Sonnenuntergang über der Kongresshalle entgegen. Mit der schönen Erkenntnis, dass es in Nürnberg noch immer Fans gibt, die in einem Gerum-Trikot zum Eishockey gehen und der vagen Hoffnung auf die Wiederbelebung dieses Gefühls aus den Anfangstagen der DEL, ging dieser Nachmittag los. Er endete mit der Erkenntnis, dass Arbeitssieg nicht immer ein Euphemismus für miesen Sport sein muss. Manchmal ist ein Arbeitssieg tatsächlich ein hart erarbeiteter Sieg.

Die Fakten: Am Sonntag hat doch tatsächlich Köln als 13. beim 14. in Straubing vorgespielt, zumindest aus Kölner Sicht war das ein erstaunliches Ereignis. Und irgendwie hätte es schon auch zur bislang so eigenartigen Saison der Thomas Sabo Ice Tigers gepasst, wenn die Ice Tigers den Zwölften aus Schwenningen am Dienstag als Elfter empfangen hätten. Nach Daniel Piettas 2:1 für Krefeld hatte das am Sonntagabend schließlich genau so ausgesehen. An diesem Wochenende aber ist schon wieder etwas passiert: Nürnberg hat das Vorhaben, sich Siege, wenn nötig, eben auch mal hässlich zu erarbeiten, ziemlich konsequent umgesetzt. Das 2:1 in Iserlohn unterschied sich immerhin noch durch grandiose Torhüterleistungen von grauem DEL-Durchschnitt. Beim 3:2 (0:0, 1:2, 2:0) gegen den Krefelder EV waren allein die ersten drei Tore sehenswert. Trotzdem war dieser Sieg von großer Bedeutung (wobei sich das, wie eigentlich alles in diesem schönen Sport erst nach den Playoffs beweisen wird). Und Nürnbergs Fans, die sehnsüchtig nach Defensiveishockey verlangt hatten, dürften auch endlich mal zufrieden nach Hause gegangen sein (sticktap an Joachim Meyer für diesen Hinweis).

Aus der Mixed Zone, eins: „Mein Start war großartig, ich finde auch, dass ich danach gut gespielt habe – und natürlich war es schön, heute dafür belohnt zu werden.“ (Tja, das hat er wirklich so gesagt, der Corey Locke. Tray Tuomie hat das nicht so gesehen und den Rückwärtsskater zuletzt immer öfter mal sitzen lassen. Heute aber hat er tatsächlich mal nachgewiesen, eine Verstärkung für diese Mannschaft sein zu können. Dazu später mehr.)

Die Wende: Manchmal ist das ganz banal: ein Tor. Noch dazu ein Allerweltstor. Puck an die blaue Linie, Körper vors Tor, jubeln. Diese Ice Tigers aber muss man offenbar zuweilen an Grundsätzliches erinnern:

TJ Wyman hat also einfach mal geschossen und getroffen. Danke. Dieses Quergeschiebe war zuvor ziemlich unerträglich. Wie viele dieser Pässe allein von Steven Reinprecht sind an Krefelder Hosen hängen geblieben? Eishockey aber ist so viel einfacher. Reinprechts 1:1 war einer dieser genialen Momente, die er uns immer wieder schenkt. Aber handelsübliche DEL-Spiele gewinnt man nunmal mit solcherlei Wyman-Toren.

Aus der Pressekonferenz, eins: „Nürnberg haben gut Mannschaft, heute die kommen zurück, 2:0, we must machen die Spiel für 60 Minuten, aber zwei gut Tor in die letzte fünf Minuten. Congratulation für Tray. Meine Meinung, meine Mannschaft heute nicht verdient verloren. Kein Pankte heute, again, Congratulation for Tray. Jetzt Spiel gegen Munchen am Dienstag, musst gewinnen.“ („Das ist die siebte Saison von Rick Adduono in der DEL, dass er noch immer Deutsch spricht wie die Karikatur eines Eishockey-Trainers – oder wie Benoit Laporte -, halte ich für respektlos. Dann bitte auf Englisch.“ Das habe ich nach dem Krefelder 6:0 in Nürnberg vor zehn Monaten geschrieben, soeben kopiert und „sechste“ durch „siebte“ ersetzt. Das hat nichts mit mangelndem Respekt zu tun. Welch guter Trainer Adduono ist, beweist er jede Saison aufs Neue. Aber vielleicht kann ihm trotzdem irgendwann mal, irgendjemand, der es gut mit ihm meint, den Rat geben, Englisch zu reden.)

The Good: Nick Petersen hat das gut gemacht, einen Schuss angetäuscht, die Box auseinander gerissen und Ryan Button den Puck perfekt getroffen. Iserlohns 1:1 war keine direkte Folge eines Fehlers – allenfalls der Undiszipliniertheit Marius Möchels und eines bizarren Schiedsrichterurteils. Am Sonntag hat das Daniel Pietta David Fischer dann gut gemacht, Jochen Reimer samt Abwehr in die falsche Ecke geschickt, Martin Schymainski hatte ein leeres Tor vor sich. Bei Krefelds 2:1 genügte Daniel Pietta ein Schritt zurück zur rechten Zeit. Beide Tore waren die Konsequenz aus Talent und Timing. Ansonsten haben die Ice Tigers am Freitag im ersten Drittel noch ein paar Schüsse zu viel aus günstigen Positionen zugelassen und am Sonntag lediglich Schymainski zum Tore schießen eingeladen. Ansonsten aber waren das hochanständige Defensivleistungen – ohne die eigentliche Spielphilosophie zu verraten. Übrigens hat dazu auch von Corey Locke beigetragen, der Kanadier war nicht nur an der Bande hinter Krefelds Tor auffällig aktiv, sondern auch im neutralen Drittel.

The Bad: Allerdings forderte die Konzentration, die dazu nötig war, in diesem System keine Fehler zu machen, so viel Energie, dass für Kreativität nicht mehr viel übrig war. Allerdings muss man Tuomie auch mal fragen (wollte ich tatsächlich machen, werde ich am Dienstag, spätestens am Mittwoch nachholen), warum Jason Jaspers im Power-Play so lange den Puck halten darf. Jaspers wird an dieser Stelle oft und natürlich stets zu Recht gelobt, aber sollte nicht dafür verantwortlich sein, in Überzahl den Puck laufen zu lassen. Jaspers gehört vors gegnerische Tor (dort hat er auch die letztlich entscheidende Strafe gegen Oliver Mebus herausgeholt) oder auf die Bank, wenn die richtige Strafbanktür aufgeht. Sehr schön hingegen: Drei deutsche Spieler in der ersten Formation bei 5-3. Besonders gut war das allerdings auch nicht.

And the ugly: „Wir wollen Euch kämpfen sehen.“ Echt jetzt? Nürnbergs Fans haben zuweilen das selbe Problem wie die Mannschaft, sie wollen ja, können nur nicht immer – Tore schießen beziehungsweise anfeuern. Natürlich war das ein bisschen bieder, arg einfallslos, aber eben auch unglücklich und sicher kein Ausdruck mangelnder Einsatzbereitschaft. Aber bevor man in dieser Situation gar nichts singt, singt man eben „wir wollen euch kämpfen sehen“. Stimmt schon, viele waren das nicht, aber gehört hat man sie trotzdem ganz gut.

Aus der Pressekonferenz, zwei: „Das ist mehr für die Spieler. Ich bin ein alter Mann.“ (Am Dienstag ist Ladies‘ Night und es war wunderbar, Jörg Dippold dabei zuzusehen, wie er versuchte, Tray Tuomie zumindest einen verwertbaren Marketingsatz abzufordern. Später hat er dafür noch erzählt, dass für Patrick Buzas jede Nacht Ladies‘ Night ist, er hingegen keine Ladies mehr braucht, er habe schließlich schon drei zu Hause. Trotzdem könnte der Coach da was falsch verstanden haben.)

Unsung three stars: Gut, das passt jetzt nicht so 100 Prozent, weil David Printz am Sonntag ja vor allem durch ungewohnt viele Vorstöße aufgefallen ist. Am Freitag aber der Printz herausragend – auch ohne irgendjemanden zu printzen. Trotzdem hat es sichtlich weh getan, wenn man ihm zu nahe gekommen ist. Printz hat hart und konsequent gespielt, seine Vertragsverlängerung ist inzwischen weitaus weniger diskutabel als die Verlängerung des Vertrags von Connor James.

Dass Jochen Reimer den Ice Tigers jeden Abend die Chance gibt, Spiele zu gewinnen, das wurde hier auch schon behauptet – so ganz richtig aber war das nicht immer. Sowohl gegen Krefeld aber noch mehr in Iserlohn aber war Reimer der erhoffte Rückhalt. Die Ausstrahlung hat von Beginn an gestimmt, diesmal reichte auch die Konzentration für 120 Minuten.

Ansonsten… fällt mir ein Dritter nicht ein. Kyle Klubertanz hat nun konstant ein vernünftiges Niveau erreicht (für sein minus Fünf in Ingolstadt musste man wohl eher seinen Verteidigungspartner verantwortlich machen), Derek Joslin war sehr aktiv, ebenso Alexander Oblinger. Aber für eine ernsthafte Erwähnung in dieser Kategorie reicht das nicht. Deshalb: Herberts Vasiljevs, der tatsächlich noch mit Christian Gerum auf dem Eis stand und 20 Jahre (Ausrufezeichen) noch immer die Kurzsichtigkeit von DEL-Schiedsrichtern ausnutzt und abgesehen davon weiterhin ein großartiger Spieler ist.

3 Kommentare in “Spiel 19: Remember Wayne Gretzky!

  1. Ich fand, dass die Tiger heute schon durchaus viele Schüsse genommen haben. Aber 98 % gingen am Tor vorbei oder auch mal drüber. Ich hatte das Gefühl, dass Reimer deutlich besser war als sein Gegenüber, obwohl der Betrieb irgendwie immer im Krefelder Drittel war. Aber halt leider nicht wirklich gefährlich in vielen Situationen, da zu unpräzise.

    Ansonsten wars wirklich ein Arbeitssieg im wahrsten Sinne des Wortes – aber eben auch nicht unverdient.

  2. #Rick Adduono
    Ganz unrecht hat Seb wegen der Sprache ja nicht, aber ich schätze Rick Adduono dafür, dass er häufig seine Meinung klar sagt und sich nicht in das übliche Interview-Blubber flüchtet.
    Bei seinen Statements im Falle der Freistellung von Uwe Krupp war dies ja z.B schön offensichtlich der Fall.
    Es gibt ein wunderbares Video, als er sich sehr direkt dazu äußert, dass ich aber entweder
    a) leider zu doof bin gerade zu finden
    oder
    b) da es auch in der Sportschau lief, unter Umständen auch dem Wahnsinn (http://de.wikipedia.org/wiki/Depublizieren) zum Opfer fiel
    Dort sagte er in perfektem Denglish s.o.s.ä. „Köln ist fuc… mad. Uwe ist the face of the DEL, er ist der fuc… Coach Of The Year“ usw.

    Sowas ähnliches steht auch bei den Kollegen/der Konkurenz unter http://www.hockeyweb.de/del/nachrichten/artikel/news/rick-adduono-und-ich-werde-es-nie-verstehen-74954/ zu lesen.
    Ich schätze einfach Statements, ohne den Medien-Weischspüler und deshalb verzeihe ich auch das Kauderwelsch. Inhalt vor Form oder so…

    Reinprechts 1:1 war einer dieser genialen Momente, die er uns immer wieder schenkt. Aber handelsübliche DEL-Spiele gewinnt man nunmal mit solcherlei Wyman-Toren.

    Würde ich ergänzen bzw abwandeln, dass man mit der gesunden Mischung aus spielerischer Genialität und einfachem Hockey erfolgreich in den Eishockeyligen dieser Welt unterwegs ist. Nur dieses Mischungsverhältnis konstant von Spiel zu Spiel zu finden, das ist ein wenig die Kunst, an der man manchmal/häufig/zu oft scheitert.

    #Locke
    Ob er in dieser Saison, in dieser Mannschaft noch eine Hilfe wird, weiß ich nicht, mein Bauchgefühl tendiert zu einem Nöp, aber ich fand die Verpflichtung zu diesem Zeitpunkt eher unglücklich bis unnötig, da die Reihen gerade auf der Zielgerade der Findungsphase einen ganz guten Eindruck gemacht haben und mir z.B. Kaufmann, James, Oblinger als ganz gelungenes Puzzle gefallen haben.
    Durch Locke und dem quasi Zwang in in die „2.Reihe“ zu integrieren, war es so etwas wie ein Reset der Findungsphase und es kam keine Konstanz rein.

    Im gestrigen Spiel hatte ich den Eindruck, vielleicht weiß da die schreibende Zunft durch das Mittwochs-Kaffeekränzchens, die näher dran ist, genaueres, dass einige Spieler, insbesondere die jüngeren Deutschen sehr mit der nicht vorhandenen Spritzigkeit zu kämpfen hatten, die in den Wochen zuvor durchaus vorhanden war. Wurde da in der Pause vielleicht ein wenig hart oder anders ausgedrückt auf einen späteren Zeitpunkt ausgerichtet trainiert?
    Hingegen kam mir ein Glubberdanz läuferisch deutlich dynamischer vor und auch Joslin wirkt im Laufen nicht mehr ganz so herb den Spuren eines Panzers folgend, wie noch zu Beginn der Saison.

  3. guten abend,

    also ich kann die gestrigen lobeshymnen auf die #84 nicht teilen, ich finde das werder die einstellung noch die qualität stimmt auch wenn man ihm beim zurücklaufen mal in die augen schaut, glaube ich, dass er wenig lust auf defensiv arbeit hat
    die verpflichtung und verschwendung einer al ist für mich nicht nachvollziehbar
    auch ist meiner meinung nach der verpflichtung ein „riss“ durch die mannschaft gegangen

    dennoch wie immer ein guter blog

Kommentare geschlossen.