Spiel 14: Tilt!

Ruth aus der 6b hat sich gemeldet. Sie ist glücklich mit einem Sonderschulpädagogen aus Rüsselbach verheiratet, hat zwei wunderbare Kinder, die Oboe und Indiaca spielen und vor allem will sie in diesem Eishockey-Umfeld nicht mehr erwähnt werden. Genau, Ruth, Schluss mit lustig, keine Brausekrieger, kein Husarengolf, kein Reinprechtchen, ja, vor allem kein Reinprechtchen mehr. Jetzt wird wieder verkrampft und viel zu hart auf die Tastatur geklopft. Wir rufen die Krise aus. Jetzt. Sofort. Nach dem nächsten Klick. (Oder vielleicht doch erst in einer Woche)

Die Fakten: Die Thomas Sabo Ice Tigers sind Zehnter (mit 19 Punkten und 45:47 Toren), vom bisherigen Krisenklub aus Hamburg überholt worden und derzeit nicht in der Lage, den direkten Verfolger, die Düsseldorfer EG (11., ebenfalls 19 Punkte, ein Spiel mehr, 43:53 Tore), im Kampf um einen Platz in der ersten Playoff-Runde auf Abstand zu halten. Und, morgen, zu Weihnachten, wünsche ich all den Forums-Vollschreibern und all den Schreibtischtätern (unbedingte Klickempfehlung) ein Jahr offline-Flatrate. Ja, es ist noch immer nichts passiert. Hamburg hat die Kurve bereits gekriegt, Köln spürt gerade die Fliehkräfte und Nürnberg steht noch ein wenig ratlos vor der Kurve. Solange die Ice Tigers aber zwischen einem 9:1 gegen Ingolstadt und einem 1:8 in Hamburg, einem 2:3 gegen München und einem 1:4 gegen Düsseldorf hin und herflippern, solange also keine Konstanz erkennbar ist, werden sie auch lediglich zwischen diesen beiden Strichen in der Tabelle hin und her flippern. Dieses 1:4 (0:0, 0:1, 1:3) gegen die DEG hat aber auch eindrucksvoll gezeigt, wie schmal der Grat ist, auf dem diese Mannschaft zwischen Brillieren und Versagen wandelt.

Die Wende: Als erster wurde im Scotiabank Place von Ottawa Steven Stamkos aufgerufen, als dreizehnter Colten Teubert, als fünfzehnter Erik Karlsson und als neunundfünzigster eben dieser Tyler Beskorowany. Noch am ersten Tag der NHL Entry Draft 2008. Das ist erfreulich für einen Torhüter und eine Garantie – für gar nichts. Von den Goalies (Chet Pickard, Tom McCollum, Jacob Markström und Jake Allen), die vor ihm genommen wurde, darf sich (noch) keiner Nummer-eins-Torhüter in der NHL nennen. Beskorowany aber schaffte das noch nicht einmal in der ECHL. Warum eigentlich, darf man sich fragen, nachdem er den Ice Tigers auch die Punkte drei bis fünf geklaut hat. Gutes Stellungsspiel, schnelle Fanghand, Ruhe. Und zweimal, innerhalb von fünf Sekunden, hat er auch gezeigt, dass er zu spektakulären Saves fähig ist. Mit dem linken Schoner gegen Yasin Ehliz, mit dem rechten gegen Evan Kaufmann. Die Ice Tigers hätten dieses frühe Tor dringend gebraucht, Beskorowany hat es verhindert. Das hat seinem Selbstbewusstsein geholfen und dem der Ice Tigers geschadet. Im Nachhinein: die spielentscheidende Szene.

Martin Jiranek, eins: „Du machst das erste Tor und dann läuft es. Dann läuft alles wieder in unsere Richtung. Aber es ist wie ein großer Schneeball: Wenn er rollt, dann ist er schwer zu stoppen. Aber, wehe, er rollt in die andere Richtung. Aber ich will nicht übertreiben. Sie haben zwei Spiele nicht gut gespielt, aber sie haben gegen Augsburg, Ingolstadt und München gute Spiele gezeigt. Aber die Kunst ist es, das regelmäßig zu bringen.“

The Good: Wunderbar, diese Trikots. Nürnberg gegen Düsseldorf ist zumindest optisch ein Genuss. Außerdem: Andreas Martinsen, seitdem Lorenz Funk seinen Namen als potenziellen Neuzugang erwähnt hatte, auf meiner persönlichen watch-list. Schon immer flott, präsent, mit ausgeprägter Freude, sich und anderen weh zu tun, allein seine Punktausbeute konnte mit dem optischen Eindruck nicht mithalten. So viel zur Vergangenheit. Seit diesem 1:4 hat er ein Tor mehr geschossen – als in der gesamten Vorsaison. Trifft er noch fünfmal, stellt er seine gesamte DEL-Bilanz ein. Und, tatsächlich: Kyle Klubertanz. Ja, er hat zum ersten Mal getroffen. Aber deshalb wird er hier nicht erwähnt. Besonders beeindruckend hat das bislang noch nicht ausgesehen, in seinem 14. Einsatz als DEL-Verteidiger aber hat er dem Spiel der Ice Tigers Struktur und Ruhe verliehen und getroffen. Klubertanz hat wegen eines Beinbruchs 2013/2014 nur 21 Spiele absolviert. Vielleicht hat er diese 14 DEL-Partien gebraucht.

Jiranek, zwei: „Wir haben gekämpft, gut genug, aber zu viel gedacht, das hat uns oft diese entscheidende Viertelsekunde gekostet. Zu viele Fehlpässe und zu viel nachgedacht, das sind unsere Probleme. Zwei Tore gegen München, eins in Hamburg, eins in Düsseldorf, das ist zu wenig für unsere Mannschaft.“

The Bad: Tray Tuomie hat den Gottesbeweis widerlegt. „Steven Reinprecht ist menschlich. Aber will unbedingt gewinnen, vielleicht will er es zur Zeit ein wenig zu sehr. Er weiß auch, dass wenn er seine bisherigen Chancen besser genutzt hätte, hätten wir vielleicht fünf, sechs, acht Punkte mehr. Aber das liegt sicher nicht an seiner Einstellung.“ Und Eishockey spielende Menschen machen Fehler, verlieren den Puck, passen ihn in den Rücken ihrer Mitspieler und verpassen gute Chance. Gottgleiche, formschwache Eishockey spielende Menschen zeigen aber auch an solche schlechten Abenden, wie viel besser sie sein können. Für die Ice Tigers aber ist das derzeit zu wenig.

Jiranek, drei: „Und das war nicht nur in den letzten zwei, drei Spielen so. Aber es ist nicht er allein, der den Schläger zu fest hält. Das ist ungewöhnlich, wirklich ungewöhnlich.“

And the ugly: Die Idee ist gut, aber die Reihe noch nicht soweit. Leo Pföderl hat einen guten Schuss und den nötigen Instinkt, Evan Kaufmann und Corey Locke haben die Hände und das Spielverständnis, um den Torjäger zu erwecken. So viel zur Theorie. Praktisch fehlt es Kaufmann und Locke und Pföderl an der Chemie. Dass Locke trotz des famosen Auftakts gegen Wolfsburg noch keine Verstärkung sein kann, ist keine Überraschung (an dieser Stelle sei an das erste Spiel von Jesse Schultz erinnert). Aber natürlich hat Locke die Fähigkeiten, das zweite Power-Play gefährlicher und damit diese Mannschaft besser zu machen. JT Wyman ist Nürnbergs derzeit sicherster Verteidiger, was allerdings weniger an Wyman liegt. Dazu kommt, dass in den letzten Jahren im Januar kaum Spieler in die DEL gewechselt sind, die ihre neuen Mannschaften signifikant verstärkt haben. Jiranek kennt den Markt, trotzdem habe ich die Verpflichtung von Locke und Wyman zu diesem Zeitpunkt bedauert. Vielleicht ist es etwas weit hergeholt, aber seitdem ist die Fehlerquote von Tim Schüle gefühlt wieder gestiegen, während man von Buzas und El-Sayed noch weniger sieht. Diese Spieler hätten es verdient, sich noch ein wenig länger für mehr Spielzeit auf prominenteren Positionen zu bewerben.

Jiranek, vier:„Was muss der Trainer jetzt machen? Alles, was uns im nächsten Spiel den Sieg bringt. Wenn der Trainer denkt, es ist die richtige Entscheidung, jemanden auf die Tribüne zu setzen, dann muss er das machen. Und die Mannschaft muss das akzeptieren. Wenn du einen Führungsspieler auf die Tribüne setzt, ganz ehrlich, dann erwarte ich, dass dieser Spieler die Mannschaft unterstützt: Fuck, vergesst mich, ich bin auf der Tribüne, das ist das Spiel, gewinnt es, let’s go, guys.“

Unsung stars kann es außer dem bereits erwähnten Klubertanz in einem solchen Spiele keine geben. Aber Spieler, die okay waren: Jochen Reimer, Derek Joslin. Spieler, die bemüht waren: Buzas, Oblinger, Jaspers, Wyman.  Spieler, die überfordert waren: Patrick Reimer, Reinprecht, Schüle, Elsner, Ehliz, Kaufmann, Weber, Pföderl. Spieler, die schwach waren: James, Locke, El-Sayed, Eriksson. Und Spieler, deren Leistung inkommensurabel war: Nowak.

Kabitzky-Watch: Ein Tor, ein Assist, vier Strafminuten beim 7:2 mit dem EC Bad Tölz gegen den EV Füssen – damit 14 Punkte (7/7) in 8 Oberliga-Spielen.

Pfleger-Watch: Keine Punkte beim 2:3 (nV) mit den Frankfurter Löwen in Bietigheim – damit 3 Punkte (1/2) in 5 Zweitliga-Spielen.

 

3 Kommentare in “Spiel 14: Tilt!

  1. …nicht zu vergessen: das bislang größte Saisonrätsel Connor James. Ich glaub, es war ein Scheibenverlust seinerseits, der Jannik (eigentlich großer Pucki-Fan) dazu veranlasste, zwischen Pommes und Chicken Nuggets urplötzlich Düsseldorf anzufeuern.

  2. Tilt bedeutet doch eigentlich Ende!Aus!Vorbei! Soweit sind wir doch noch nicht, es sei denn es bezieht sich auf Personen oder Dinge die noch nicht allen bekannt sind.
    Ja. Die (unnötigen!?) Nachverpflichtungen haben für einen Bruch gesorgt. Auch Elsner, viel Energie in der Vorbereitung und den ersten Spielen, fährt rum, als hätte man ihm den Stecker gezogen. Und bei P. Reimer ist das auch offensichtlich. Er wirkte schon im Spiel gegen Wolfsburg nicht mehr wie der Leader, der er letzte Saison und in den ersten Spielen war. Da fragt man sich schon was im Mannschaftsgefüge und auch der Kabine passiert ist.
    Bei der Einschätzung der gestrigen Leistungen bin ich bei Locke anderer Meinung. Seinem Fehler vor dem 0:2 ging schon eine Fehlpassorgie ohne gleichen voraus. Das Zweikampfverhalten an der Bande (direkt vor dem 0:3) ist wie befürchtet. Für mich der erste Kandidat für die Tribüne.
    Aber es ja noch nicht Tilt! Wir haben noch 38 Spiele. Und morgen werden wir dann in Augsburg sehen, ob diese Mannachaft auch ihr anderes Gesicht noch zeigen kann…

  3. Hallo,
    solange wir solche Spiele im Oktober machen, ist das unschön (da hätte ich Freitag abend was besseres zu tun gehabt…) aber kein Beinbruch.
    Schönes Zittat heute von Tuomie: „Er hat den Schläger zu fest gehalten“ (Reinprecht).
    Die Mannschaft hat auch Freitag gewollt, aber sie haben keine Leistung aufs Eis gebracht.

    Ich erinnere mich an eine Szene mit Guy Lehoux irgendwann 200x. 0:2, Spiel dümpelt vor sich hin… Lehoux über die Band, heftiger Check, heftige Schlägerei. Ab da waren wir im Spiel (zugegeben, ich bin mir nicht sicher, ob wir das noch gedreht haben) und die Zuschauer waren zufrieden…

    Gruß
    Stefan

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