Spiel elf: Block 103 spielt Husarengolf

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Kürzlich hab ich den Keller ausgeräumt. Alte, mufflige Kisten geöffnet, die ich bereitszweimal umgezogen habe, aber schon beim letzten Umzug schon lieber gar nicht mehr hineingesehen hatte. Diesmal hab ich es getan. Es war wunderbar. Ich habe in alten Schulheften geblättert („Some good ideas“, schrieb die Englisch-Lehrerin unter ein Essay, „but serious problems with all aspects of the language. A lot of work has to be done here!“), in Fotoalben geschmökert (ich habe ein Nacktfoto von der unfassbar heißen Ex-Nachbarin gefunden! Wir waren aber beide erst vier und gerade dabei uns an einem heißen Sommerabend am Rasensprenger abzufrischen), auf eine Kiste voller dieser gelber Reclam-Hefte gestoßen (Gottfried Keller – Romeo und Julia auf dem Dorfe, Friedrich Schiller – Kabale und Liebe, Georg Büchner – Woyzeck. Alle von mir einst für den Deutsch-LK gekauft und dann nie aufgeschlagen – Abi-Note später: gerade noch ausreichend), Berge von Kleidung entdeckt (kunstvoller Sombrero, an einem wüsten Abend im Wohnheim aus Versehen halb abgefackelt), Sportgeräte (die Telemark-Ski, mit denen ich am selben Abend mit Sombrero auf dem Kopf im Treppenhaus zwei Stockwerke abgefahren bin) und dann, vor allen Dingen (und deshalb eigentlich nur dieser sehr umständliche, holprige Einstieg – a lot of work has to be done here!): Gesellschaftsspiele. Berge von Gesellschaftsspielen! Weil mein Vater das nette Hobby hatte, jedes Jahr die Kritikerpreis-prämierten Spiele zu kaufen. Meine Idee: Ich bringe zum nächsten Dienstagabendspiel all diese Spiele mit und lasse sie in den Blöcken der Arena verteilen. Hinter dem Tor spielt man dann „Café International“, der Oberrang Mitte Links „Ab die Post!“, die Blöcke 101 bis 103 „Husarengolf“, der Gästeblock „Heuchel und Meuchel“ undsoweiter. Und niemandem wäre mehr langweilig. So wie heute, gegen die Straubing Tigers…

Die Fakten: Die Thomas Sabo Ice Tigers besiegen die Straubing Tigers mit 2:1 (1:0, 0:1, 1:0) und bleiben im fünften Heimspiel ungeschlagen. Die Ice Tigers sind damit Tabellenvierter (11 Spiele, 6 Siege, 5 Niederlagen, 41:32 Tore, 18 Punkte), die bemitleidenswerten Straubinger mit ihrem großen Verletzungspech bleiben Schlusslicht. Nürnberg beweist in diesem Spiel aber  vor allem, dass man den Tabellenletzten derzeit wirklich im Schlaf besiegen kann.

Die Wende: Das Rezept hatte Tray Tuomie in seiner linken Jackett-Tasche stecken. Er zog es heraus nach der Pressekonferenz und zeigte auf eine Zeile, mit Kugelschreiber dorthin gekritzelt. Tief die furchen, das hatte jemand mit Wut im Bauch geschrieben: „Shoot the puck !!!“ stand dort. Viel zu schön hatten es die Ice Tigers zweikommasiebenfünf Drittel lang machen wollen, dabei war einfaches Eishockey der Schlüssel zum Sieg. Ein herrliches Tor vom Pföderls Leo, einfach mal abgezogen und – Ping! – über die Latte hinein ins Glück. Und einfach mal abgezogen von Alexander Oblinger und – Pong! – über Connor James Latt.. äh Kelle hinein ins Glück – 2:1. Einen Zeitpunkt zur Wende gab es nicht, weil die Ice Tigers ihr umständliches Spiel nie änderten.

Aufgeschrieben, eins: „Schieß, schieß, schieß, schieß, schieß, schieß, Schieß, schieß, schieß. Undannochmah‘: Schieß, schieß, schieß“ (Tray Tuomie über seine Kabinenansprache vor dem Schlussdrittel)

The Good: Beide Torhüter. Einmal Jochen Reimer, für den es sicher nicht einfach war mitansehen zu müssen, wie die Kollegen vorne Chance um Chance vertändeln und er hinten dafür sorgen muss, dass sich das nicht rächt. „Wir hatten alle gegen Straubing noch was gut zu machen“, fand Reimer, „allen voran ich. Ich hatte dort nicht gut gespielt.“ Es ist ihm gelungen. Dann: Dustin Strahlmeier, der Gelsenkirchener Jung, der mit seinen 22 Jahren wahrscheinlich selbst manchmal gar nicht wusste, wie er noch an die Scheibe gekommen war. Dutzende Male gegen Steven Reinprecht, dutzende Male gegen Freddy Eriksson, gegen Yasin Ehliz, gegen Oblinger, gegen Elsner, gegen Patrick Reimer, gegen Evan Kaufmann, gegen Connor James, gegen Marius Möchel. „Chapeau!“, fand Nationaltorwart Reimer, „der Junge hat richtig gut gefangen heute“. Und Leo Pföderl fand: „Jo, ma hott gmerkt, dosses zeeeh („zäh“, d. Red.) war hait. Und dann homms nochan so an guadn jungen Goahli (Goalie, d. Red.) ghobbt ahnu.“

The Bad: 1) Das Powerplay – sowas von kläglich! 2) Marco Nowak ist derzeit defensiv ein großes Rätsel. Gegen Straubing war keiner der Verteidiger sonderlich gefordert, aber die Scheibe wie vor dem 1:1 derart billig herzuschenken, das gleicht meinen NHL 15-Auftritten, wenn beim blauen Gamepad, über das ich mal versehentlich eine Vase samt Blumenwasser gekippt habe, mal wieder der rechte Stick hängt. 3) Patrick Reimer, der in seinem 600. DEL-Spiel (noch mehr besitzt Steven Reinprecht in der NHL, Freunde! Das nur mal zum ins Bewusstsein sacken lassen) besten Schusschancen lieber den kläglichen, ängstlichen Fehlpass vorzog. Ich hätte ihn manchmal am liebsten am Bart….

And the Ugly: Der Stick-Tap von Karl Stewart, auf den sogar Gott reinfällt. Reinprecht skatet ins Angriffsdrittel, verfolgt von Stewart, der irgendwann mit seinem Schläger wild aufs Eis klopft. Gott wertet es als ein Zeichen eines Jüngers, teilt das Brot, lässt die Scheibe liegen – und Judas von Iskariot schnappt sie sich und leitet einen Gegenangriff ein. Zwei Minuten Unsportlichkeit und eine Heuschreckenplage über Straubings Hacker-Pschorr-Hopfenfelder wären angemessen gewesen.

Dienstagsspiele I: „Jo mei, Dienstog-Ohbend, dreckig, hauptsoch gwunna – basst scho“ (Leo Pföderl zu diesen Dienstagsspielen, zu denen ab sofort Gesellschaftsspiele gereicht werden)

Unsung 3 stars: (heute alles andere als leicht!)
David Elsner – Kehrte für Patrick Buzas zurück aufs Eis, fiel nicht ab, im Gegenteil, war einer der wenigen, die einfach mal abzogen. Manchmal leider noch einen Tick zu puckverliebt, aber alles in allem in Ordnung.

Leo Pföderl – Bringt immer mehr Konstanz in sein Spiel, hat zum fünften Mal getroffen, das erste Mal nicht in Überzahl. Und was es für ein tolles Tor war!

Der Herr von der Tonregie – Ihm war genauso langweilig wie uns, deshalb drehte er die vollen sechzig Minuten gedankenverloren am Lautstärkeregler herum. Einmal, als Joslin beinahe das 1:0 gelang, war er auf der Tastatur eingenickt und hochgeschreckt. Weil der Ellbogen dabei auf die Taste „Goalhorn“ drückte, bekamen wir die schöne Schiffshupe zu hören, obwohl die Scheibe gar nicht im Tor war.

Dienstagsspiele II: „Nein, so darf man nicht denken, der Dienstag darf keine Ausrede sein. Aber es ist ja Fakt, dass er nicht angenommen wird, nicht nur in Nürnberg ist das so, im ganzen Land. Familien können nicht hingehen, weil sie am nächsten Morgen früh raus müssen, manche schaffen es nicht von der Arbeit rechtzeitig hierher. Und uns, uns macht es vor ausverkauftem Haus natürlich auch mehr Spaß, wenngleich uns die Fans heute trotzdem hervorragend unterstützt haben“ (Jochen Reimer auf die Frage: Denkt man sich als Spieler auch: Oh nein, bitte kein Dienstagsspiel?)

Und sonst: Hatte ich als Kind immer Angst vor dem Spielecover von „Barbarossas Rätselmeister“. Ich habe es jetzt auch wiedergesehen und mich allen ernstes gefragt, weshalb ich wegen eines albernen alten Mannes mit rotem Vollbart und einer viel zu großen Krone auf dem Kopf nachts nicht schlafen konnte. Hallo? Ich habe mich letzte Saison sogar manchmal getraut zu Yan Stastny „Hey“ oder „hi!“ zu sagen!

Dienstagsspiele III: „Ohgott, ja. Das fühlt sich nicht so an wie ein richtiger Spieltag irgendwie“ (Tray Tuomie auf das alleinig ausgesprochene Wort Dienstag…)

 

1 Kommentar in “Spiel elf: Block 103 spielt Husarengolf

  1. Nach dem Lesen stellen sich mir drei Fragen:

    – Ist die Schlussfolgerung aus „“Schieß, schieß, …, schieß” Tray Tuomie über seine Kabinenansprache & Einen Zeitpunkt zur Wende gab es nicht, weil die Ice Tigers ihr umständliches Spiel nie änderten. nicht, dass der Trainer die Mannschaft nicht erreicht und sie nicht auf ihn hört?

    – Sollte the Ugly nicht zum wiederholten Male das extremst stumpfe Eis (auch ohne des Teufelsgeigers Auftritt zuvor) sein, dass speziell die Spielweise der NIT konterkariert?

    – …und natürlich: Wie sieht die Ex-Nachbarin heute aus?

    Sehr schon dazu, gemeint ist Frage 2:
    http://youtu.be/Arm0Bb3YyFo?t=3m42s

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