Spiel vier: Opernball mit Michael Weinfurter

bolog

Als Fan der Thomas Sabo Ice Tigers hätte man heute dem fränkischen Dauermotzer in der Reihe dahinter ein 60-minütiges Dauergrinsen schenken, die unberechenbare Gefährlichkeit des Augsburger EV preisen, stolz über die Nummer 28 auf dem Oberarm streichen, mit großer Genugtuung registrieren, dass Franken unter Brücken schlafen, und sich danach noch vier, fünf Kaltschalen genehmigen dürfen. Weil dies aber ein seriöser (hihihi), neutraler (hahaha) und kompetentes (nu is aber gut) Blog sein soll, steht lediglich ein feines Bier aus Gutenstetten neben dem Dienstlaptop.

Die Fakten: Nürnberg 5, Augsburg 1. Drei Punkte für Nürnberg, keiner für Augsburg. Fakten aber werden dieser Vorführung kaum gerecht. Die Ice Tigers hätten höher gewinnen müssen, das sagten danach auch Larry Mitchell und noch später, hinter vorgehaltener Hand, sogar Tray Tuomie. Augsburg ist als Vierter noch immer einen Punkt vor Nürnberg als Fünftem platziert – noch eine Bestätigung für Tuomies Mantra, dass man sich in dieser DEL jeden Punkt wird hart erarbeiten muss.

Aus der Mixed Zone, eins: „Ich will mich nicht an der Schulter verletzen.“ (Jochen Reimer lief noch einmal aufs Eis, zeigte welch guter Läufer er auf Torhüterschlittschuhen ist, winkte dreimal in die Südkurve und verschwand mit diesen Worten in der Kabine. Reimer wird den Fans in Nürnberg keine Rolle schenken – aber sehr wahrscheinlich ein paar mehr Punkte als seine Vorgänger.)

Die Wende: Gab es nicht. Nicht Augsburg kam hart und unerbittlich aus der Kabine, sondern Nürnberg. Nicht Ryan Bayda, DEL-Topscorer nach drei Spielen, sondern Fredrik Eriksson und Steven Reinprecht, die vielleicht besten DEL-Spieler auf ihren Positionen, legten frühe Tore vor. Augsburg fand danach nicht mehr ins Spiel, selbst nach James Bettauers Bogenlampe zum 1:2 nicht. Jochen Reimer hat die Scheibe offensichtlich erst ernst genommen, als sie über seiner Stockhand einschlug. Egal.

Aus der Mixed Zone, zwei: „Die Tabelle ist erst nach zehn Spielen aussagekräftig, frühestens.“ (So ist das wohl, Alexander Oblinger.)

The Good: Kann sein, dass das hier schon drei- bis siebenundzwanzigmal erwähnt wurde, aber nach einem solchen Spiel, das er allenfalls als gutes, aber sicher nicht als herausragendes in sein Tagebuch eintragen wird, darf man sich schon mal wiederholen: Steven Reinprecht soll man genießen, so lange er noch Spaß daran hat, uns seine Künste vorzuführen. Der Stanley-Cup-Sieger, Weltmeister, künftige Tour-de-France-Sieger und Fahrradhelmträger (sticktap von altem Mann zu altem Mann) spielt theoretisch das selbe Spiel wie Steffen Tölzer oder James Bettauer, praktisch nicht. Wer befürchtet hat, dass sich Reinprecht allmählich seinem Alter anpasst, den dürfte dieses Spiel endgültig beruhigt haben. Und, nein, an dieser Stelle will ich mir keine Gedanken darüber machen, was es für das Niveau der Liga bedeutet, wenn Reinprecht seine Gegenspieler noch immer nach Lust und Laune entkleidet und neuerdings der 40 Jahre alte NHL-Rollenspieler Glen Metropolit die Scorer-Liste anführt

The Bad: Es wäre sein Job gewesen, dazwischen zu gehen. Patrick Reimer aber unterhielt sich lächelnd mit Ryan Bayda, statt Dan DaSilva ordentlich auf die Zwölf zu geben. Offenbar hat der amtierende DEL-Spieler des Jahres seine Arbeit als Goon der Ice Tigers nach nur einem Einsatz gegen Colten Teubert wieder eingestellt. (Dieses dürre Witzchen sollte uns endgültig dazu motivieren, uns endlich neue Kategorien einfallen zu lassen.)

And the Ugly: Ich bin kein Gesellschaftsreporter und will die kompetenten Kollegen von www.nordbayern.de keinesfalls kritisieren, einer Bildergalerie unter dem Titel „Promi-Schaulaufen beim Nürnberger Opernball“ Fotos von Ludwig Spänle, eines Coiffeur namens Marcel Schneider und Dominic Armbrüster, einer angeblichen Nürnberger Mode-Ikone, zuzuordnen, aber keines von Tray Tuomie und seiner Gemahlin, kann nur ein Versehen sein. Coach und Frau Coach fuhren im Ford Mustang („Genau richtig für einen ehemaligen Amerikaner.“) vor, tanzten (O-Ton: „Ich kann es nicht, aber ich habe es gemacht.“) und amüsierten sich prächtig („Das war wirklich unglaublich.“).

Aus der Mixed Zone, drei: „Geiles Gefühl. Hier in der Arena vor Nürnberger Fans zu treffen, ist auf jeden Fall etwas Besonderes für mich.“ (Marius Möchel ist nicht der erste Nürnberger, der im Nürnberger Trikot einen DEL-Treffer erzielt hat. Diese Ehre gebührt auf ewig Michael Weinfurter – sticktap to my dad. Das Zeug zum Publikumsliebling hat er wegen seines nimmermüden Einsatzes natürlich trotzdem.)

Aus der Pressekonferenz, eins: „Im letzten Drittel haben wir immer unseren Außen zum Bully geschickt, weil dann die Chance größer war, dass wirklich unser Center das Bully macht.“ (Larry Mitchell hatte zuvor einen Linienrichter, „den kleinen, ich weiß nicht, wie er heißt“, für die Aufnahme in das Guiness-Buch der Rekorde vorgeschlagen, weil wahrscheinlich kein Linienrichter zuvor jemals so viele Spieler aus dem Bully-Kreis geschickt hatte.)

Unsung 3 stars: Eine weitere Erkenntnis dieses 5:1 war, dass Nürnberg eine erste Reihe hat und drei zweite Reihen. Alle vier Formationen hielten das Tempo in allen drei Zonen hoch und sich stets an Tuomies aufwendige Spielidee. David Elsner erweist sich in dieser Saison bislang als der spektakulärste unbekannte DEL-Spieler, sollte er irgendwann noch seine Fehlerquote reduzieren, gilt er als Kandidat für den fiktiven most-improved-player-award. Patrick Buzas hatte allein im ersten Drittel die Chance zu zwei natural hattricks. Und Alexander Oblinger, der auch als Meisterspieler noch immer in Zweikämpfe rumpelt wie ein junger Hund, wurde für seine harte Arbeit mit zwei späten Treffern belohnt („Gegen Augsburg ist es immer etwas Besonderes zu spielen. Erstmal ist es wichtig zu gewinnen, weil gegen seine Heimatstadt verliert man besonders ungerne. Und wenn man dazu noch zwei Tore beitragen konnte, ist das umso schöner.“). Martin Jiranek wird irgendwann in dieser Saison noch einen spielstarken Mittelstürmer verpflichten. Aber bis dahin ist es ein Vergnügen, den Möchels, Elsners, Oblingers, Pföderls, El-Sayeds und Buzas‘ dabei zuzusehen, wie sie die viele Spielzeit nutzen. Einzig der spielintelligente Marco Pfleger fällt da bislang ein wenig ab und wird am kommenden Sonntag wieder durch Yasin Ehliz ersetzt werden.

Aus der Pressekonferenz, zwei: „So ein Tempo habe ich die ganze letzte Saison nicht gesehen.“ (Tray Tuomie über den morning skate nachdem die Hälfte der angeschlagenen Mannschaft am freien Samstag Vitamin-Infusionen bekommen hatte. Über das Spiel sagte der Coach: „Wir waren gut.“ Nuff said.)

Und sonst: Muss hier noch dem Kollegen Christoph Benesch ein großes Dankeschön ausgerichtet werden. Seine Bereitschaft, seine junge, große Familie noch eine Stunde länger zu vertrösten, hat es diesem Beitrag ermöglicht, noch vor dem Tatort-Abspann beendet zu werden. Cheers, mate, genieß die Zeit, meinen ersten Sieg bei NHL15 werde ich dir widmen (das könnte allerdings noch zwei, drei Wochen dauern).

2 Kommentare in “Spiel vier: Opernball mit Michael Weinfurter

  1. Bin gerührt. Erstmals im Blog namentlich erwähnt. Und das, während im Hintergrund die Playse geschätzt 1200 Updates zieht. Wird Zeit, dass die Familie Böhm in Sachen Umfang gleichzieht. So, jetzt muss ich aber wirklich NHL zocken… (Dank Sebastian sind die Kinder längst im Bett!)

  2. Wieder ein paar lose Gedanken zum Spiel gestern:

    – ich muss Herrn Printz (zumindest gestern) Abbitte leisten
    – die Augsburger wissen immer noch nicht, warum sie nach 10 Minuten nicht 5-0 hinten waren
    – es gibt dinge auf einer Eisfläche, die kann nur Steve Reinprecht
    – Ehliz wird Patrick Reimer gut tun
    – Sebastian Uvira würde das Nürnberger Anforderungsprofil sehr gut erfüllen
    – das war eines der schnellsten Spiele, das ich von einer Nürnberger Mannschaft je gesehen habe
    – Marco Nowak scheint deutlich selbstbewusster als noch vor einem Jahr
    – es hat Spass gemacht gestern

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