Spiel vier: Die Mutter aller Schlittschuhtore (Update)

(Wann genau haben Sie wo zum ersten Mal gesagt: „Boah, ich bin zu alt für diesen Scheiß“? Ich meine ernsthaft, nicht wenn der DJ im Fun oder im Trend oder in einer irgendeiner anderen Dorfdiskothek Skrillex aufgelegt hat (oder zu wasauchimmer junge Menschen sich gerne im Tanzlokal bewegen). Sondern aus voller Überzeugung. Ich weiß es und werde es so schnell nicht mehr vergessen: Sonntag, 23. März, 18:22 Uhr in einer Eishalle, die lieber ein Baumarkt geworden wäre.) Das war der Einstieg, bevor ich um 23.15 Uhr noch eine SMS von den Pressesprechern der Ice Tigers bekommen habe. Danach muss man dieses 4:5 anders beurteilen.  

Die Fakten: „Jetzt wissen wir, dass die Serie definitiv über sieben Spiele geht.“ Das war der erste Satz, den Tray Tuomie seiner Mannschaft gesagt hat – nachdem sie nach 90 angemessen wahnsinnigen Minuten ein unangemessen dreckiges Tor kassiert hat. Noch mehr Fakten? Eishockey ist wunderbar. Und grausam. Und um fast Nichts hätte ich dieses 4:5 (1:1, 1:2, 2:1, 0:0, 0:1) verpassen wollen.

Die Wende: Roman Horlamus hat schon ein paar Eishockey-Spiele gesehen und in irgendwas über 14.000 Tweets umgesetzt. Und wenn ein solch erfahrener Kollege denkt, dass es das jetzt war, dann ist die Wahrscheinlichkeit auch ziemlich groß, dass es das jetzt war. Roman hat natürlich nicht gesagt, dass es das jetzt war, als Sebastian Vogl den Save des Jahres gezeigt und Matt Hussey des sicheren Game-Winners beraubt hatte. Aber bis dahin hatte Roman 85 Minuten lang ruhig und zuversichtlich gewirkt. Geradezu optmistisch. Danach aber ließ er den Kopf ein bisschen zu lange hängen. Später hat er dann erzählt, dass sein Optimismus mit dem Puck ins Fangnetz rauschte. Und wenn Matt Hussey noch immer vor dem Wolfsburger Tor gestanden wäre, weil auch er nicht fassen konnte, dass der Puck da nicht drin lag, dann wäre das auch keine Überraschung gewesen. Wolfsburg hatte in der ersten Hälfte der ersten Verlängerung erwartet viel Druck gemacht, hatte Nürnberg kaum zum Durchatmen kommen lassen. Die besseren Chancen aber hatten die Ice Tigers. Reinprecht und Ehliz schafften es mehrmals nicht, den Puck über die Linie zu stochern. Es sah so einfach aus – und war doch so schwer.

Spruchreif, eins: „Diese Serie wird noch lange dauern. Das ist so. So ist das.“ (Ja, das haben wir alle schon mal gehört, von Tray Tuomie, von Pavel Gross und allen anderen Beteiligten. Aber dieser Tray Tuomie hat das so voller Überzeugung gesagt, mit so einem Grundvertrauen in seine Mannschaft, dass man ihm einfach glauben muss.)

The Good: Die Ice Tiger war tot, erlegt nach dem Ryan Caldwell den Puck an der Bande verloren hat und AUSGERECHNET Jeffery Likens, den wir auf der Pressetribüne zum personifizierten Grund, warum Wolfsburg 2014 bereits im Halbfinale ausscheidet, erklären würden, getroffen hat. Aber anders, als in Spiel eins und zwei hat er dann einfach weitergemacht. Im Schlussdrittel mussten sie sich nur fragen lassen, warum es überhaupt so weit kommen musste. Wolfsburg stellt ein grandioses Kollektiv, mit #alleaufdie10 den vielleicht komplettesten Spieler der Serie und mit #voglistnervös einen denkbar selbstsicheren Goalie – und trotzdem hat man (wie beim 5:2 vom Freitag und wie in der zweiten Verlängerung) gesehen, dass Nürnberg tiefer und besser besetzt ist und das schnellere Eishockey spielt. Davon kann man sich im Halbfinale in der Kölnarena kein Kölsch kaufen. Aber für den Dienstag ist die Erkenntnis, dass die Ice Tigers den Wolfsburgern ein mindestens gleichwertiger Gegner sind, seit in der Arena all jene aufgestanden waren, die ein Tiger sind, durchaus Hoffnung stiftend.

The Better: Der EHC Wolfsburg mag die wenigsten Fans in der Deutschen Eishockey-Liga haben, die schlechtesten hat er sicher nicht. Dieses Publikum liebt Eishockey, singt gerne und hat entdeckt, dass man Klatschpappen in unterschiedlichen Lautstärken malträtieren kann (nachdem ich 90 Spielminuten und eine halbe Afterhour direkt vor einer Stahlstange zugebracht habe, die ununterbrochen mit einer Klatschpappe bearbeitet wurde, kann ich das beurteilen). Natürlich begünstigt das Echo des Wellblechdachs die Lautstärke. An diesem Sonntag aber musste man erst einmal vier Stunden lauter sein als 500 enthusiasmierte Nürnberger. Womit wir bei der Kategorie…

The Best (wären): Nach dem Schlittschuhtor von Norm Milley (ehrlich geschrieben habe ich wie meine Kollegen von der Pressetribüne wenig bis nichts gesehen) und dem Videobeweis war man gut damit beraten, eine gedankliche Reise ins Frühjahr 2009 zu unternehmen. Damals habe ich täglich versucht, Volker Böhm (nein, mit dem Insolvenzverwalter bin ich noch immer nicht verwandt) ans Telefon zu bekommen. Und wenn ich das alle drei Tage geschafft hatte, konnte oder wollte er mir doch nichts Neues sagen. Seitdem haben wir einen Insolvenzmarsch vor der Arena, die Ankunft eines erstaunlichen und erstaunlich langhaarigen Unternehmers, so manch nettes Punkterunden-Spiel, 2010 ein ausnahmsweise mal unglücklich verlorenes Play-off-Viertelfinale, ein unvergessliches Winter Game 2013 und jüngst jenes mitreißende und Erkenntnis stiftende 5:2 erlebt. Da kann man auch mal dankbar sein. Und wenn die Fanbetreuer davon erzählen, wie sie Thomas Sabo am nach diesem 5:2 angerufen hat, um ihnen mitzuteilen, dass er die Fahrt von 20 Fanbussen (Pardon, Kerstin und Sven, das musste ich einfach schreiben) zahlen würde und sie „nur“ dafür sorgen müssten, dass diese Busse bis auf den letzten Platz gefüllt nach Wolfsburg fahren würden – dann wirken Ingolstädter Schmähungen gegen diesen Mann noch erbärmlicher. Thomas Sabo liebt Eishockey – wie wir alle.

The Bad: Was haben sich die Wolfsburger Kollegen über die Schiedsrichter ereifern können. Unvorstellbar wäre das auf der Nürnberger Pressetribüne – leider nicht. Marcus Brill und Daniel Piechaczek passen nicht in diese Kategorie. Aber nach einem zwei vor Pathos triefenden Texten für die Zeitungsausgabe und einem eher seltsamen Meinungungsbeitrag will mir jetzt kurz nach Würzburg auch nichts wirklich Negatives einfallen. Wie Brüggemann/Schimm haben sie auch in Wolfsburg erst vieles und dann alles laufen lassen. Natürlich hätte man Brett Palins Foul am enteilten Connor James in der 68. Minute pfeifen müssen. Aber dann hätten sie auch davor und danach auf der anderen Seite jede Regelübertretung pfeifen müssen. Trainer, Spieler und Fans wollen hartes Eishockey ohne viele Unterbrechungen sehen und nicht, dass ein Spiel in der Verlängerung von den Schiedsrichtern entschieden wird. Schon gar nicht ein so enges, intensives und wichtiges Spiel. Gut gemacht (wobei ich das sofort widerrufe, wenn sich herausstellen sollte, dass Milley gekickt und Patrick Reimers Schläger beim Icing zuvor den Puck berührt hat). Die Wolfsburger Kollegen hatten doch Recht: Brill und Piechaczek sind eines solchen Play-off-Spiels nicht würdig. Soeben hat mir Roman Horlamus Bewegtbilder vom irregulären Wolfsburger Siegtor (von Wolfgang Gastner mit dem Handy abgefilmt) geschickt, die selbst auf einem Smartphone abgespielt eindeutig beweisen, dass Milley die Mutter aller Schlittschuhtore geschossen hat.  90 Minuten haben sie anständig gepfiffen, haben den Spielern überlassen, Fehler und Fouls zu machen, dann gehen sie raus, um sich das Tor noch einmal anzuschauen und was genau haben sie dann gesehen? Milley kickt eindeutig. Unfassbar. Bitter.

And the Ugly: Der Wolfsburger Baumarkt-DJ hat Böhse Onkelz aufgelegt.

Spruchreif, zwei: „Uns schmeißt keiner raus, wir bleiben dabei.“ (Eineinhalb Stunden haben sie mir das ins Ohr gebrüllt und trotzdem sind wir – Kollege Jennemann sitzt mir gegenüber #railtrip – uns nicht mehr sicher, ob das der zugehörige Text war. So oder anders, guter Text, um ihn während der Overtime in Dauerschleife zu singen. Mehr „spruchreif“ war heute leider nicht drin. Wir mussten zum Wolfsburger Hauptbahnhof. Welcher Hauptbahnhof?)

Unsung three stars: Große Auswahl – wobei ich Steven Reinprecht weder für diese noch für die offizielle Auswahl vorgeschlagen hätte (tatsächlich war er zwischen #voglistnervös und Milley 2nd star):

Steven Regier hat erneut so gespielt, als hätte er nie etwas anderes getan, als souverän und selbstsicher zu verteidigen. In der Verlängerung tauchte er plötzlich zweimal hinter dem Wolfsburger Tor auf und klärte trotzdem nach dem Puckverlust den Wolfsburger Gegenangriff.

Tuomie war so stolz auf Marco Pfleger. Verständlich. Aber auch Patrick Buzas hatte man in diesem Spiel ein Tor gegönnt. Unzählige takeaways, bestes Forechecking und in der Verlängerung zwei gute Chancen. In einer besseren Welt wäre Buzas Held dieses Spiels geworden.

Marco Nowak hat Million-Dollar-Beine, der Satz stammt von Jeff Tomlinson (selbiges hat er merhmals auch über Tim Schüle gesagt). An diesem Sonntag hat wieder sehen dürfen, was er damit gemeint hat. Nowak flog übers Eis, war immer wieder der erste Mann vorne und der erste Mann hinten. Wie Buzas kann man dem Verteidiger nur eine komplett verletzungsfreie Saison wünschen.

Und sonst? Twittert, spamt Facebook voll, schreibt eMails und Breife, ruft die ungeliebten Vettern und Cousinen an, sprecht fremde Menschen in der Kantine/Fußgängerzone/U-Bahn an, macht Werbung, wo und wie immer ihr könnt. Am Dienstagabend muss hinter der Zuschauerzahl ein (ausverkauft) stehen, diese Mannschaft hat es verdient (Update: Jetzt erst recht).

1 Kommentar in “Spiel vier: Die Mutter aller Schlittschuhtore (Update)

  1. Man bin ich fertig. Fertig von gefühlten drei Stunden klatschen, singen und schreien. Fertig über ein Spiel, bei dem ich irgendwann dachte, wir können das gar nicht mehr verlieren. Fertig von all diesen „Wenn“, „Hätte“, „Aber“ auf der vierstündigen Rückfahrt mit dem Auto. Einfach fertig hier und jetzt am Schreibtisch.
    Aber es war ein grandioses Erlebnis, an das man immer wieder denken wird…

    The ugly: Der Stadiosprecher.
    Der kündigt die Schiedsrichter als Lieblingsschiedsrichter an (unglaublich aber wahr). Der nennt die Torschützen des Gegners gar nicht oder nuschelt nur so rum. Der beleidigt die Fans des Gegners in der Drittelpause. Einfach nur Respektlos.

    The best: Das ganze Team. Die Trainer. Das Management. Die Betreuer. Der beste Sponsor der Deutschen Eishockey Liga. Die Fanbetreuung. Die Fans selber. Die Blogger. Sorry wenn ich jemanden vergessen habe…

    Kleine Geschichte am Rande: Ich komme nach dem 3. Drittel zur Getränkeausgabe. Da steht ein Nürnberger Fan. Der sieht mein Trikot und nimmt mich einfach in den Arm und krächzt: „Man ist das geil. Einfach nur der Hammer. Weißt du, der Thomas Sabo hat meine Fahrt bezahlt. Das ist so großartig.“ Was soll man dazu noch sagen… Und wenn er am Freitag…

    Wir sehen uns. Die Serie wird am Sonntag entschieden. #nurnochelf

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