Spiel 25: Trays Haus steht noch

Xaver David Printz (rechts) setzt an zum Bodycheck

Xaver David Printz (rechts) setzt an zum Bodycheck

Die ganze Nacht hatte Tray Tuomie kein Auge zugemacht. Xaver war schuld. Was nach fiesem, Straubinger Gäubodenfest-Prügelknaben klingt, ist in Wirklichkeit noch viel schlimmer: der Sturm (ohne Marco), der gerade vor allem Norddeutschland heimsucht. Die Wahlheimat von Tray Tuomie also.
„Meine Töchter wohnen in unserem Haus in Bremerhaven“, erzählte der Trainer der Ice Tigers bei der Pressekonferenz. Gestern Abend war eine von ihnen auf dem Weg nach Hause, von Leipzig, mit dem Zug. Eine Sache von zwei, drei Stunden, gestern dauerte es zwölfeinhalb. „So viel Regen und Wind und Schnee und … Sturm eben. Und als sie in Bremen ankam, fuhr kein Zug mehr nach Bremerhaven. Es fuhr überhaupt kein Zug mehr.“
Also nahm Tochter Tuomie ein Taxi, die satten 80 Kilometer nach Hause. „Als Vater muss man dann natürlich ständig dran denken, ob es ihnen gut geht“, sagte Tuomie.
Wie gut, dass die Mannschaft ihrem Trainer gegen Straubing dann immerhin nur das erste Drittel lang Kopfzerbrechen bereitete. Auf jeden Fall war Tray Tuomie so gelöst, dass er sogar kurzzeitig überlegte, erstmals überhaupt in der Pressekonferenz („Darf man das überhaupt?“) zum Weißbier zu greifen.
„Ah“, sagte er dann beim Blick aufs Etikett, „das ist ja gar kein Budweiser.“ Zum Glück erkennt man einen guten Trainer nicht am guten Biergeschmack!

Die Fakten: Mit 5:1 (1:0, 2:1, 2:0) besiegen die Thomas Sabo Ice Tigers die Straubing Tigers und schließen dank der dritten Niederlage in Folge der Kölner Haie wieder mit dem Spitzenreiter auf – zumindest punktemäßig. Schämt euch, Jungs: ein 14:1 über Straubing hätte für die Tabellenspitze gereicht.

Die Wende: 26 Sekunden waren gespielt, da verlud Patrick Reimer mit der Ruhe eines ostfriesischen Postschifffahrers auf hoher See bei Sturmtief erst Goalie Jason Bacashihua, um die Scheibe dann locker-leicht zum 4:1 ins Straubinger Herz zu schieben. Auf dem Oberrang herrschte endlich Ruhe und der leidgeprüfte Tray Tuomie konnte durchschnaufen. „Ein gutes Drittel“, fand Gästetrainer Daniel Ratushny, „ist zu wenig, um gegen diese starken Nürnberg Ice Tigers zu gewinnen“. Er hatte recht.

Spruchreif, eins: “Das war der Schlittschuh eines Kollegen, der über die Bande steigen wollte und mir dann hier…(zeigt auf den Unterarm)…ratsch!“ (Steven Rupprich auf die Frage, wie in Gottes Namen man sich im Training den Unterarm aufschlitzt)

The good: Andy Jenike. Bis auf das Gegentor, als er kurzzeitig die Orientierung verlor und allen ernstes noch sein linkes Eck abdeckte, als Peter Flache schon dabei war, den Puck nach Bauerntrick ins rechte Eck zu schieben, ein sicherer, ruhiger Rückhalt mit einigen starken Saves. Auch geht mein Puls bei ihm nicht schlagartig in die Höhe, wenn er hinter sein Tor fährt oder sonstwie den Puck mit seinem Schläger aufnimmt (bei Tyler Weimar hingegen bekomme ich Herz-Rhythmus-Störungen). „Tyler hätte gegen München gespielt, wäre er nicht krank geworden“, verriet Tuomie. Dann war er aber krank und Jenike machte seinen Job gut – gewann die letzten drei Spiele. „Jetzt kam Tyler zurück, hat super trainiert, aber wir wollten Jeni spielen lassen. Aber wer am Sonntag gegen Wolfsburg im Tor steht, haben wir noch nicht entschieden.“ Ach, come on, Tray, wir kennen deine Taktik: Never change the winning goalie! Wetten?

The bad: Sind all diejenigen, die sich jetzt hinstellen und sagen: Kaum ist die Bremse Stastny draußen, schon läuft es. Ein gesunder, motivierter Yan Stastny mit Lust auf Eishockey ist natürlich mehr wert, als ein angeschlagener, trauriger Yan Stastny mit viel Angst vor Eishockey. Trotzdem brauchen wir ihn, spätestens für die Play-Offs. Dann aber: ausgeruht, hungrig, heiß und, vor allem, gesund.

Spruchreif, zwei: „Steven ist ein harter Hund, ich weiß, dass er spielen will. Aber frühestens kommenden Freitag ist es erst soweit. Seine Fleischwunde ist so tief, dass sie innen und außen nähen mussten. Zum Glück hat Pollock… äh… derjenige keinen Nerv und keine Sehne dabei verletzt.“ (Tray Tuomie über Steven Rupprich)

The ugly: Das Überzahlspiel bleibt nachwievor stark verbesserungswürdig. Acht Minuten Powerplay ohne Tor ist zu wenig gegen den Tabellenzehnten, der, immerhin, auch acht Minuten in Überzahl gegentorlos gegen die beste Unterzahlmannschaft der Liga überstand (ohne seinerseits einen Treffer zu erzielen). In einem Western hätte Tuomie, mit Streichholz zwischen den Zähnen, den Cowboyhut mit einem Finger gehoben und gesagt: Verschon sie, Connor! Beim Eishockey wünschen wir uns: Zeig’s Ihnen, Connor!

Unsung three stars: Man könnte jetzt einen unfassbar fleißigen Jason Jaspers mit unglaublich viel Eiszeit (war der überhaupt mal draußen?) nennen, den Pföderls Leo mit seinen zwei Toren oder Marvin Krüger oder gleich die ganze Reihe, die das Toreschießen eröffnete mit ihrem starken Zug zum Tor und die alle anderen mitriss. Stattdessen: Meine Top drei Szenen des Spiels, in aufsteigender Reihenfolge:
Szene 3: Blaine Down, immerhin Top-Scorer der Liga, scheint überhaupt nicht anwesend. Bis Steven Regier (der langsam aber sicher in Form kommt) eine Spielunterbrechung nutzt, um zur Bank zu fahren. Er sieht Down nicht, Down sieht ihn, verhakt sich trotzdem mit seinem Schlittschuh, fliegt der Länge nach aufs Eis. Regier zuckt mit den Schultern, fährt unberührt weiter. Down rappelt sich auf, rückt den Helm zurecht, klopft die Hose ab. Man meint, den roten Kopf bis unter den Oberrang leuchten zu sehen.

Szene 2: Ich bin ja ein Fan von satten, harten Open-Ice-Checks. Daher mochte ich schon immer Brett Festerling. Jetzt gibt es jemanden, der noch wilder auf alles losgeht, was nicht bei drei über die Plexiglasscheibe klettert: David Printz. Nach einer guten halben Stunde meint man ein Grinsen im Gesicht des schwedischen Kohlebaggers zu erkennen, als ihm der arme Rene Röthke vor die riesigen Schaufeln gerät. Es knallt so laut, dass man das Magenknurren des Kollegen Jennemann sogar für einen Moment nicht mehr hört. Dann fliegt Röthke, als hätte ihm der menschgewordene Sturm einen Baum an den Kopf geschmissen: Ich taufe ihn auf den Namen Xaver David Printz.

Szene 1: Brett Festerling (diesmal, habe ich das erwähnt, hat er mal kein Tor geschossen) verliert im ersten Drittel im Rückwärtsgang urplötzlich seinen Schläger, der fliegt David Elsner vor die Füße, springt auf auf dem Eis, Elsner
fängt ihn in voller Fahrt in der Luft lässig auf, besser, als er jemals einen Puck aufgenommen hat, und reicht ihn Sekunden später wie ein Caddy beim Golf zurück an Festerling: „Ich würde den Driver empfehlen, das 1er Holz, Monsieur. Das Green liegt tiefer hinter einem Bunker, rechts zieht sich das Fairway entlang, ich denke, ein Birdie wäre drin“

Spruchreif, drei: „Unser Haus steht noch. Glaube ich.“ (Tray Tuomie)

2 Kommentare in “Spiel 25: Trays Haus steht noch

  1. Chapeau, Kollege, sehr schöner Eintrag, aber sei dir gewahr, dass auch Dir irgendwann ein hässliches einszwei gegen Düsseldorf widerfahren wird (#noplayoffs für @chribenesch).
    Sebastian (der nach einer kurzen Sinnkrise seines Sohnes nicht mehr einschlafen kann, stattdessen über Bebilderung und Benotung des Zwischenzeugnisses nachdenken und erkennen muss, dass Jeff Skinner doch nur ein Mensch ist)

  2. Danke für die schöne Zusammenfassung.

    Auch bei uns war die Meinung, dass es kein Problem ist wenn Stastny fehlt. Dann muss man keinen der anderen Kontingentspieler draußen lassen, zumal Regier immer besser wird (den hatten wir bis zum Spiel gegen Iserlohn fast aufgegeben). Ein wirklich fitter und wirklich motivierter Stastny bekommt sicher eine Chance. Schaun wir mal…

    Was zurück ist: Der Spieler im Slot. Endlich wieder ein Spieler vor dem Torwart, der Chancen kreiert, der Rebounds verwerten kann und dem Goalie die Sicht nimmt.
    Man hatte das Gefühl, dass die Positionen wieder deutlich besser eingenommen werden (gilt auch wenn der Gegner in Scheibenbesitz ist). Das Umschalten von Abwehr auf Angriff ist auch wieder deutlich besser geworden (Geschwindigkeit).
    Wenn Freddie seine leichtsinnigen Pässe unterlässt, sind wir bald wieder bei dem schnellen und großartigen Hockey des ersten Saisonviertels.

    Grüße
    Frank

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