Spiel 23: Pierre Pagé Superstar

Schade, dass niemand mitgestoppt hat. Für die Rekordpressekonferenzen von Klaus Augenthaler und Hans Meyer hat es dann doch nicht gereicht, dazu war Tray Tuomie dann doch zu höflich. Diese Vorstellung des komprimierten Wahnsinns von Pierre Pagé aber war trotzdem grandios – und hatte ganz offensichtlich eine Vorgeschichte, die zunächst einmal nur dieser Blogeintrag erzählt.

Die Fakten: Zwei Punkte war dieses 3:2 (0:1, 1:1, 1:0, 1:0) gegen den  EHC München wert. Zwei Punkte, die den freien Fall der Thomas Sabo Ice Tigers  durch die DEL-Tabelle vorerst gestoppt haben. Trotz unübersehbarer Probleme in Aufbau und Abschluss haben weiterhin nur die Kölner Haie mehr Tore geschossen. Der Overtime-Treffer von Connor James war bereits sein vierter Game-Winner, das ist (zusammen mit Krefelds Kevin Clark) Liga-Spitze – unerreicht sind, das nur nebenbei, James‘ vier Unterzahltore.

Die Wende: Irgendwann im Schlussdrittel ist Gordon Schukies und Steffen Klau (73 und 37 sind zwei unterschiedliche Ziffen? Sag bloß) dann doch noch eingefallen, dass Stockschläge, Haken und Behinderung nach den Regeln des Weltverbands nicht erlaubt sind. Nach dem ersten Münchner Spiel in Nürnberg war Pierre Pagé noch vom vorzüglichen Presse-Conférencier Jörg Dippold zu einem, es heißt, 20-minütigen Vortrag über die Anziehungskraft der Strafbank auf seine Spieler motiviert worden – Kern seiner Ausführungen: „Wir müssen dazulernen.“ Nur haben ihn Matt Smaby, Nick Palmieri, Andy Wozniewsky und Darren Haydar ihren Trainer offenbar noch immer nicht richtig verstanden, soll ja zuweilen vorkommen in München. Vielleicht hat er deshalb etwas ungehalten (reine Interpretation, Details wollte Tray Tuomie dann doch nicht verraten) auf das keineswegs falsche und sicher nicht geheuchelte Lob des  Nürnberger Trainers für das Münchner Spiel reagiert. Abgespielt hatte sich das noch bevor die beiden Eishockey-Lehrer den Pressekonferenzraum betraten. Tuomie wirkte deshalb, als wollte er sofort die Handschuhe fallenlassen. Und Pagé wollte plötzlich Augenthalers 42-Sekunden-Rekord brechen. Zurück zum Rubriktitel: Smaby und Wozniewski und Lewis und Richmond sind ziemliche Brocken, verlassen sich aber trotzdem allzu oft auf den Einsatz ihrer Schläger und die Toleranz deutscher Schiedsrichter. Zwei Drittel ging das ganz gut, dann nicht mehr. Pagé wollte diesmal nichts dazu sagen. Und es fand sich auch kein Mutiger, der ihn dazu befragen wollte.

Spruchreif, eins: „Wir haben gut gespielt, schnell (unverständliches Gemurmel), schnell.“ (Mehr wollte Pierre Pagé an diesem Abend nicht sagen. Schade eigentlich. Seine jüngsten Beiträge waren doch ziemlich großes Tennis)

The good: Nein, das sind noch nicht wieder diese wundersamen Ice Tigers aus dem goldenen Frühherbst. Aber die Trotzigkeit und die Anpassungsfähigkeit waren zumindest heute Abend wieder zurück. Die Ice Tigers vom letzten Wochende (und der Vorsaison) hätten dieses Spiel klar verloren, so ähnlich hat das wohl auch der Kapitän gesehen, weil er explizit darauf hingewiesen hat, dass sie sich diesmal eben nicht noch ein schnelles zweites Tor haben einschenken lassen, dass sie sich gewehrt haben und dass sie letztlich ihre Qualitäten (Patrick Reimer: „schnell schlittschuhlaufen, hart vors Tor gehen“ – sticktaps to Flo-Mo Jennemann) eingebracht haben. Dieses 3:2 war wichtig, weil sich die Ice Tigers hineingearbeitet haben, weil das vermehrte Power-Play-Training im Spiel letztlich zu zwei Überzahltreffern geführt hat, weil sich auch einzelne Spieler (Ryan Caldwell, Reimer) von Drittel zu Drittel gesteigert haben. Ohne die magischen Momente eines Steven Reinprecht aber wäre dieser Sieg nicht möglich gewesen. Dabei war der Stanley-Cup-Sieger ein Kandidat für die Tribüne (Verletzung gerade erst ausgeheilt, noch nicht wieder im Vollbesitz seiner Kräfte), dann aber verabschiedete sich Tyler Weiman (Virus-Erkrankung, wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch am Sonntag in Krefeld nicht spielen) während des Abschlusstrainings, zudem war Connor James angeschlagen. Dass ausgerechnet diese beiden Spieler letztlich die Punkte einfuhren, zeigt, dass in dieser Liga zwischen Sieg und Niederlage kein sticktape passt.

The bad: Sollten auch Felix Petermann und Uli Maurer ihren neuen Trainer etwas seltsam finden, so lassen sie es sich jedenfalls nicht anmerken. Vielleicht haben die beiden ehemaligen Nürnberger auch erkannt, dass es sich lohnt, sich die Sympathien des Münchner Übungsleiters zu arbeiten – weiß ja keiner, ob der nicht auch irgendwann noch Bundestrainer wird. Pat Cortina bleibt seinen Jungs jedenfalls treu, Nürnberger fand er bislang nicht so toll. Für die mindestens wegweisenden (die Frage ist nur: wohin?) Spiele gegen Lettland in Neuss Schierke Braunlage Herne und Essen hat er aber nun nicht nur einen oder zwei, nicht drei oder vier, sondern gleich fünf Ice Tigers nominiert – allerdings hat er auch sonst jeden einheimischen DEL-Spieler unter 23 Jahren nominiert. Glücklicherweise wurden diese Spiele so geschickt terminiert, dass sich Schüle, Lindlbauer, Weber, Ehliz und Pfleger (Pföderl hat er vergessen, schade) gar nicht erst mit der Frage beschäftigen müssen, wie sie zwischen dem Doppelheimspieltag und dem Roadtrip an Weihnachten regenerieren sollen.

Spruchreif, zwei: „Wir haben schon ein Gespräch gehabt, weil sie nach dem Gegentor im ersten Drittel wenig gespielt haben. Sie müssen sich beweisen, Tag für Tag.“ (Tray Tuomie über seine jungen deutschen Stürmer – der verbesserte Ehliz hat ihm gefallen, Pfleger und Pföderl nicht ganz so. Dass ihm Elsner und Lindlbauer wieder zur Verfügung stehen, gibt ihm als Coach neue Möglichkeiten – es wäre nicht verwunderlich, wenn Pfleger oder Pföderl sich das Spiel in Krefeld von der Tribüne aus ansehen müssten.)

The ugly: Steven Rupprich war nach dem Gegentor im ersten Drittel frustriert, der Fight hat ihm gut getan (so ähnlich hat es Coach Tuomie ausgedrückt). Die Zuschauer waren angetan, die Fotografen wahrscheinlich auch. Ich nicht. Krachende Checks, wunderbar, open Ice hits, bitte mehr davon. Aber es langweilt mich immer mehr, dabei zusehen zu müssen, wie erwachsene Männer  aufeinander einprügeln (nur um das klarzustellen: heranwachsende Männer, Kinder, Greise und Frauen jeden Alters will ich auch nicht prügeln sehen), nur weil sie glauben, das müsste jetzt sein, das würde die Mannschaft motivieren oder den Gegner einschüchtern. Langfristig gesehen ist dieser Sport ohnehin schon so gefährlich (Quatsch? Das sieht Stefan Ustorf wahrscheinlich anders.), da muss man das Risiko nicht auch noch künstlich erhöhen.

Unsung three stars: David Printz (herrliche geflippte Diagonalpässe, beweglich und schnell – gemessen an seiner Statur, feine schwedische Schule); Patrick Reimer (jawohl, Patrick Reimer, dass sich der Kapitän oftmals als einziger Ice Tiger gegen drohende Niederlagen stemmt, dass er regelmäßig scort und schießt und schießt und schießt, wird offenbar, auch an dieser Stelle, als selbstverständlich angesehen, aber das muss ja nicht so weitergehen); Evan Kaufmann (sichtlich um Spielkultur bemüht, als seine Kollegen Eishockey noch als Individualsport interpretierten, gewohnt stark in Unterzahl).

Ansonsten: Auch Steven Reinprecht wirkte ein wenig fahrig, ein wenig zu lässig, ein wenig zu unbeteiligt. Natürlich mag das an seiner Verletzung gelegen haben, andererseits kennen wir solche Vorstellungen aus der Vorsaison. Dann aber entschied er das Spiel alleine, mit seiner Übersicht, mit zwei präzisen Pässen, die man so in dieser Liga nur selten sieht. Das ist jetzt vielleicht nur ein klein wenig zu pathetisch: Aber man darf es schon als Ehre bezeichnen, diesem Spieler regelmäßig zusehen zu dürfen. Frage an die Blogosphäre: Wie viele ehemalige oder aktuelle DEL-Spieler fallen euch ein, die es in Bezug auf Talent, Perönlichkeit und, ja, Charakter mit Reinprecht aufnehmen können?

16 Kommentare in “Spiel 23: Pierre Pagé Superstar

  1. Hallo,

    ab Mitte des zweiten Drittel wurde endlich wieder Eishockey gespielt! Das beste Spiel seit langem.
    Endlich wieder Leidenschaft gezeigt und die Entscheidung gewollt.

    Bester Spiele über die 60 Minuten war für mich übrigens klar unsere 55. Spielintelligenz, sehr gutes Stellungsspiel und sichere Pässe. Für eine Nachverpflichtung bislang ein echtes Sahneschnittchen. Aber da hatte wir ja schon öfter ein glückliches Händchen.

    Talent, Leadership & Charakter? Da würde ich mal Paul Stanton in den Ring werfen. Machte für seine Teams oft den Unterschied und wusste, wie man Meisterschaften gewinnt… außer in den Jahren beim EHC 🙂

    Herzliche Grüße
    Stefan

  2. Von der Persönlichkeit und vom Charakter fällt mir aus der jüngerern Vergangenheit Paul Stanton ein.

    Was den Spielstil anbelangt und die überragenden technischen und läuferischen Fähigkeiten anbelangt war Alexander Cherbayev sehr ähnlich.

  3. Ja, da waren gestern wieder einige hanhnebüchene Nicht-Entscheidungen dabei.

    Allgemein gilt: Bei den Schiedsrichterleistungen, die oftmals angeboten werden, hätte man auch beim Drei-Mann-System bleiben können.

    Lässt sich auch mathematisch belegen:

    3*0 = 4*0

  4. eines kann ich nicht verstehen steven rupprich in der kategorie ugly
    ab und zu gehört ein faustkampf auch mal dazu und wir hatten schon lange keinen mehr in nürnberg

  5. @Jens Hafenrichter:
    And the ugly ist nur der Rubrikname, kein Vorwurf an Steven Rupprich, der Fight war gut für ihn, für die Mannschaft, für die Coaches. Nur ich will keine mehr sehen.

    @Luscitiosus:
    Diese Rechnung habe ich schon des öfteren gehört – auch von Offiziellen.

    @alle:
    Die Kommentare waren zuletzt nicht mehr sofort sichtbar. Pardon. Das hoffentlich dafür verantwortliche Häkchen habe ich wieder gesetzt, in Zukunft müssten die Kommentare treuer Leser wieder sogleich zu sehen sein.

  6. Vielleicht verklärt, außerem war’s mit meinem Eishockeysachverstand damals noch nicht zu weit her, von daher kann es sein, dass ich mich in den Augen wahrer Kenner hier zum Horst mache, trotzdem trau ich mich mal raus und nenne den Helden meiner Jugend: Ken Karpuk. Charakterstark, kompromisslos, mitreißend und – in meiner Erinnerung, aber da kann ich mich wie gesagt auch täuschen – wahnsinnig talentiert (zumindest gemessen am damaligen Niveau…).

  7. @booker
    ich bin mir nicht ganz sicher, ob da nicht einer versucht, einen Horst aus mir zu machen. vor allem aber bin ich mir nicht sicher, ob ich Ken Karpuk hier schon einmal erwähnt habe. egal. kenny karpuk war irgendwann im frühjahr 1991 der grund, warum ich zum ersten mal bei der lektüre der nn tränen in den augen hatte (kommt, allerdings aus anderen gründen, immer öfter vor, je älter ich werde). kurz: karpuk war auch der held meiner jugend. mit ziemlicher sicherheit war er zwar nicht wahnsinnig talentiert, aber das ist ja tatsächlich relativ und in diesem zusammenhang völlig unbedeutend.

    zwischenstand:

    Stanton
    Cherbayev
    Karpuk

    gar nicht schlecht. wahrscheinlich vereinigt reinprecht tatsächlich die besten eigenschaften dieser völlig unterschiedlichen spielertypen. wenn er jetzt noch checken und blocken würde karpuk und schießen wie stanton…

  8. Ken Karpuk war ein super Typ, auch menschlich. Wir waren damals öfter beim Training im Linde und wollten immer Schläger zum Fieseln auf den Parkplätzen in good old Langwasser. Er hat sich immer kurz mit uns unterhalten, war immer freundlich und seine blauen TITAN-Schläger wechselten sehr häufig den Besitzer.

    Auch auf dem Eis fand ich ihn überragend. Knallharter Verteidiger, extrem gute Einstellung.

  9. @SebB: Deine ersten beiden Sätze verstehe ich nicht, sofern sie überhaupt mir galten. Fühlst du dich von mir hochgenommen? Warum???

    Anyway: Das freut mich mich jetzt richtig, dass Ken Karpuk nicht nur bei mir unvergessen ist, da war ich mir nicht so sicher. Hab gerade mal bei hockeydb nachgeblättert und mir die Augen gerieben; unglaublich, dass er nur zwei Jahre in Nürnberg war – – – ein Beleg dafür, dass einem die Jugendjahre in der Erinnerung viel „länger“ vorkommen als die Gegenwart, wo einem die Jahre nur so unterm Hintern wegrauschen… Und noch unglaublicher ist, dass KK nur ein Jahr zusammen mit dem großen alten Mann George Pesut gespielt hat – in meiner Erinnerung hab ich meine halbe Jugend lang mit meinem damals besten Freund gestritten, wer der bessere Verteidiger ist, der eisenharte Ken oder der lethargische George. Selbstverständlich hatte ich recht…

  10. Wieder sehr schöner Blogeintrag (hab gelernt immer erst zu loben *g*)…Kleinstkritik: sind Ziffern nicht einstellig? Hätte jetzt schon gesagt, dass in 37 und 73 die selben Ziffern sind, aber es unterschiedliche Zahlen sind. Hätte jetzt jedenfalls ne 37 nicht als „Ziffer“ angesehen. Wikipedia klärt mich da aber auch nicht auf.

    Zu „Ansonsten“: Cherba hätte ich jetzt charaktertechnisch eher nicht genannt (ohne ihn persönlich zu kennen, aber kann mich nicht erinnern, dass er damals für seine Persona gelobt worden wäre). Ich hätte Jiranek und Geddes nominiert. Aber so wesentlich besser wie ihre Mitspieler, wie es Reinprecht diese Saison und Stastny in einigen Jahren (ausser den letzten beiden) war, waren beide nicht. Wären aber vom Rundumpaket meine Nürnberger Nominees gewesen.

    DEL-weit fällt mir spontan Harry Birk ein. Die Älteren werden sich erinnern (und in nicht nur ausm TV kennen)

  11. der held meiner jugend war momesso, ich fand er war damals ein echter leader, robust im zweikampf

  12. na ich würde als helden meiner jugend (zu den oben genannten) auf jeden fall noch pavel richter (nicht DEL) und jiri dolezal einwerfen, die beide über herausragende fähigkeiten verfügten (vorallem in dem Liga-umfeld, in dem sie aktiv waren).
    zudem war in meinen augen auch andre savage einer der komplettesten spieler, die jemals in einem nürnberger trikot eine eisfläche betreten haben.

  13. Kann nur von 1998 bis heute sprechen und beschränke mich dabei auf die Ice Tigers:

    Der Talentierteste: Alexander Cherbajev! (wenn er denn wollte…)
    Der Charakterstärkste: Christian Laflamme, André Savage, Martin Jiranek
    Persönlichkeit auf dem Eis: Sergio Momesso, Christian Laflamme, Shane Peacock

    Alles zusammen? Gab es bisher wohl eher nicht…
    Auch ein Reinprecht vereint nicht all diese Dinge und noch ist es auch zu früh ihn so hervorzuheben. Ende April kann man gerne nochmal darüber diskutieren 😉

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