Spiel 7: Sieg Nummer sieben

Steven Reinprecht als Mister Miyagi

Steven Reinprecht als Mister Miyagi

Ich habe den morgigen Artikel tatsächlich unmöglich begonnen. Manchmal merkt man das erst, wenn man wieder zu Hause ist. Wo nicht 4447 Fans auf ihren Stühlen stehen, singen und klatschen, wo man sich nicht dabei ertappt, wie wild auf den Fingernägeln zu kauen, weil Felix Brüggemann sich zurückgezogen hat, um einen Videobeweis zu begutachten. Und wie man dann jubelt, als eigentlich neutraler, seriöser Berichterstatter. Sondern wo zu später Stunde einzig der leise tickende Sekundenzeiger die Stille im Arbeitszimmer durchbricht. Es ist ein furchtbares Gefühl des Fremdschämens vor dem eigenen Text. Ja, man wird wohl zwei, dreimal aufwachen heute Nacht, kurz erschrecken, denken „ich hab doch nicht wirklich…“, dann hoffen, es sei bestimmt nur ein Traum gewesen, dann aber wird es einem dämmern: das war kein Traum. Dann schießt das Adrenalin ein, man ist hellwach, dreht sich links, rechts herum. Und zwingt sich, zu hoffen, dass morgen früh keine Zeitung im Briefkasten steckt. Waren wirklich „Wahnsinn, begeisternd, unglaublich“ die drei ersten Adjektive des Artikels gewesen? Genau so, als Aufzählung nur von zwei Kommata voneinander getrennt? Der Spielrausch dieser Mannschaft hat auch mich gepackt, dieser Teamgeist mich angesteckt. Entschuldigung, Ed Benesch, entschuldigung Harry Valerien. Aber ich kann nicht anders.

Die Fakten: Wahnsinn, begeisternd, unglaublich: Siebtes Spiel, siebter Sieg (ich hab aus dem vorherigen Text in dieser Maske gerade eben tatsächlich nur die Zahlen ändern müssen), heute Abend mit 6:5 (2:1, 1:2, 3:3) gegen Red Bull München. Die Ice Tigers bleiben damit natürlich an der Tabellenspitze – wahnsinn, begeisternd, unglaublich!
Heute Abend haben sie nicht nur Pierre Page, den Münchner Trainer beeindruckt („Sie waren so viel besser als wir am Anfang, das ganze Spiel voller Disziplin, und so wahnsinnig schnell…“), sondern auch gezeigt, dass Teamgeist auch bedeutet, gemeinsam in wichtigen Situationen nervenstark zu sein. Immerhin war München lange Zeit nicht abzuschütteln – nach dem 3:1 auf 3:3 und nach dem 5:3 auf 5:5. Und es waren 72 Stunden nach der Lehrstunde des alten Meisters Steven „Mister Miyagi“ Reinprecht diesmal die Jungen wie Lindlbauer-San, Pföderl-San, Schüle-San und Ehliz-San, die den Unterschied ausmachten. Frei nach dem Motto: „Wer Fliege fangen mit Stäbchen, der vollbringen alles.“ Oder auch einfach: wahnsinn, begeisternd, unglaublich!

Spruchreif I: „Und sooo spielt man Eishockey, und sooo spielt man Eishockey…“ (Freudetrunkener Fangesang nach dem 3:1 durch Leo Pföderls Antritt direkt von der Strafbank zum Kontertor, das Peter Lindlbauer vorbereitet hatte)

The Good: Wen soll man aus dieser Teamleistung herausheben? Die vielen stillen Arbeiter? Die (heute auch: vielen) furiosen Torschützen, die cleveren Torvorbereiter? Wieder die ganzen San-s?
Oder einfach auch mal Tray Tuomie und Maurizio Mansi, die stillen, unermüdlichen und stets mahnenden Coaches? In der vergangenen Saison war immer sofort der Trainer ein Thema, als noch gar nichts lief, als es lief, als es nicht mehr lief. Auch noch, als die Zeit abgelaufen war.
Jetzt, nach sieben Siegen in sieben Spielen sind die Trainer gar kein Thema. Obwohl es so gut läuft, wie nie zuvor. Tuomie und Mansi, die ach so Unerfahrenen, die in dieser Phase, in der momentan alles gut zu laufen scheint für die Ice Tigers (selbst die bösen Vorahnungen in Sachen Yan Stastnys Knieverletzung haben sich nicht bestätigt) munter die jungen Wilden aufs Eis jagen und ihnen soviel Eiszeit schenken, dass man auf ihren Oberschenkeln Spiegeleier braten kann. Pföderl, Lindlbauer, Ehliz, Schüle, Elsner, Pfleger, Weber – ganz stark, Jungs! Aber denkt daran, wird Mister Miyagi-Reinprecht vielleicht mahnen: „Das war Glück Anfänger.“

The Bad: Heute, leider muss man es so sagen, die Unparteiischen Lars Brüggemann und Carsten Lenhart. Dem 2:3 durch Lewis, das unmittelbar nach Power Play erzielt wurde, ging eine lächerliche Strafzeit gegen Leo Pföderl voraus, direkt zuvor blieben zwei harte Stockchecks in den Rücken von Steven Reinprecht ungesühnt – um nur ein Beispiel zu nennen. Die passende Antwort auf diese Ungerechtigkeiten lieferten die Ice Tigers selbst – Connor James Unterzahltor und Pföderls Antritt von der Strafbank. Wahrscheinlich sollte man sich aber trotzdem nicht über die Schiris ärgern, sondern einfach anerkennen: Das famose Eishockey heute war einfach eine Nummer zu groß für die Jungs.

And the Ugly: Wie hatte ich mich auf Matt Smaby gefreut! Brutale Checks, böse Stockschläge, wüste Faustkämpfe. Ein Typ wie ich, könnte ich endlich rückwärts Schlittschuhlaufen. Als der Baum mit seinen 1,96 Metern und 109 Kilogramm dann bei den Starting Six auf dem Eis stand, dachte ich erst: das ist doch der Kühnhackls Erich. Genau so hüftsteif präsentierte sich die Abwehrreihe, die an die besten Zeiten der Flames erinnerte. Wie schrieb Theo Fleury doch in seinem Buch, das ich immer dann las, wenn ich mal wieder drei Stunden auf einem Provinzbahnhof gestrandet war und auf den verspäteten Zug warten musste? „It’s like skating through a forrest of redwoods“, so wird sich das auch für Evan Kaufman oder Yasin Ehliz angefühlt haben, als sie die ersten Male auf Smaby und Wozniewski zugefahren sind. Doch die vermeintlichen Bösewichte entpuppten sich vielmehr als unbewegliche, schwerfällige Riesen. Immer wieder fuhren die Tigers ihnen nach Scheibengewinnen davon, stark angespielt mit langen Pässen in die Schnittstellen. Ach könnte doch Mesut Özil Schlittschuhfahren… Und was würde Steven Reinprecht mahnen (einer geht noch): „Nicht wissen. Haben nie gekämpft gegen Baum.“

Spruchreif II: „Ja, das war der bislang schönste Moment für mich in Nürnberg. Wobei: Alle Siege sind irgendwie special. Es war schon großer Spaß, gegen meinen alten Club, die Eisbären zu gewinnen. Haha!“ (Ryan Caldwell, angesprochen auf seinen Game-Winner zum 6:5, zwei Minuten vor Spielschluss)

Unsung three stars: Wen soll man, nochmals, aus dieser Teamleistung herausheben? Eine Hilfe ist hier immer das unsichere Gerätsel des Kollegen. Die, die knapp daran scheitern, in seine offiziellen three stars auserkoren zu werden, die nehme ich dann immer. Aber der Platz des Kollegen blieb heute aus privaten Gründen leer (wer hat dann eigentlich die offiziellen three stars ausgewählt?!?) Folglich haben meine Ohren nichts eingesaugt, daher muss ich mich auf meine bebrillten Augen verlassen – keine gute Idee, wetten? Gold geht an Jochen Reimer. Ha! Ich hab doch gesagt, keine gute Idee! Reimer hat zwar sechs Gegentore gefangen, die meisten davon aber durch Abpraller und Alleingänge. Von denen hat er geschätzte zehn nochmal gehalten. Ohne den bemitleidenswerten Nationaltorwart (auch das steht morgen im Artikel, dafür schäme ich mich aber nicht) hätte es nach sieben Minuten schon 0:8 geheißen. Aber, wie sagte Tray Tuomie in der Pressekonferenz so schön? „Das wäre egal gewesen, denn gegen  München kannst du dir mit keiner Führung sicher sein. Egal, ob du sechs, sieben, acht oder zehn Tore schießt, das könnte alles nicht genug sein.“  Könnte ein Satz sein, den er wiederum von Steven „Miyagi“ Reinprecht aufgeschnappt hat. Hai, Tray-San.

Spruchreif III: „So ne tolle Sache habe ich noch nie erlebt.“ (Patrick Buzas, angesprochen auf den siebten Sieg im siebten Spiel)

Und sonst? Letzte Woche stand an dieser Stelle die böse Vorahnung in Sachen Yan Stastnys Knie. Hat sich zum Glück nichts davon bewahrheitet. Heute stand Stastny nach Spielschluss sogar in feinem Zwirn und gebürstetem Vollbart (hab ich mich verrechnet? Haben die Tigers die Play-Offs schon sicher?) vor der Kabine und schüttelte eifrig Hände. Und, ja, ich glaube er fror auch ein wenig durch die dünnen Ledersohlen seiner italienischen Designerschühchen. „Es geht mir gut“, sagte er, er freue sich mit den Jungs, klar sei es hart, wenn man nicht mitspielen kann, gerade im Schlussdrittel habe er nicht mehr hinsehen können, weil er so gern aufs Eis wäre, um zu helfen, aber die Jungs, wie man sieht, machen es ja auch allein und so kann er sich in Ruhe auskurieren, vielleicht kommt das Wochenende noch zu früh, aber danach sicher wieder, er sei jedenfalls heiß undsoweiter undsofort you know you know you know. Nicht aber das Gesagte gibt jetzt Anlass der guten Diagnose zu vertrauen, sondern die Tatsache, dass Stastny mit mir spricht. Und obendrein dazu gut gelaunt durch seinen Holzfällerbart grinst. Ehrlich gesagt ist das derart unwirklich, dass man vermuten muss, Stastny hat das alles nur simuliert!
Und daher schreiben wir an dieser Stelle noch Jamie Pollock in diese Rubrik mit rein – hat ja schon einmal Glück gebracht. Urplötzlich fiel uns auf der Pressetribüne nämlich auf, dass der Pollock ja gar nicht mehr auf dem Eis steht. Auch die Sichtkontrolle ergab, dass Pollock nicht mehr auf der Bank saß. Kollege Horlamus hatte noch notiert, dass Pollock in der 19. Minute aufs Tor geschossen hatte, seitdem war nichts mehr passiert – kein Schläger gebrochen, kein Puck durch die Scheibe gerast, kein Fangnetz gerissen, Die Frage war also: Wo ist Pollock? „Jamie hat sich leicht (ja, Tuomie hat „leicht“ gesagt) am Bein verletzt, er wollte nichts riskieren. Wir wissen aber noch nicht mehr.“ Auch Pollock ward übrigens noch einmal gesehen, im feinen Zwirn, im Kabinengang. Krankenhaus scheidet also schonmal aus. Und wenn, dann höchstens wegen einer Erkältung von diesen italienischen Schühchen. Er sollte es wie Stastny machen und sich einen Schal im Gesicht wachsen lassen.

Spruchreif IV: „Das ist super, dass Düsseldorf Berlin geschlagen hat. Dadurch fahren wir da nicht hin und sagen, die haben ja alles verloren. Sondern die Jungs wissen, hoppla, die haben ja die Eisbären geschlagen” (Tray Tuomie auf der Pressekonferenz)

Knallhart nachgefragt:
Yasin Ehliz: „Das ist brutal, wie jeder für den anderen kämpft, wie jeder 100 Prozent gibt. Wenn man aufs Eis geht, weiß man, der, der da neben mir steht, macht auch was für mich.“
Reporter: Hört sich so an, als sei das letztes Jahr nicht so gewesen…
Ehliz: „Ich glaube, dieses Jahr haben wir richtig viel Spaß in der Kabine. Und das bringen wir einfach auch aufs Eis.“
Reporter: Inwiefern Spaß in der Kabine…
Ehliz: „Die neuen Spieler, David Elsner oder Ryan Caldwell. Das macht einfach Spaß, mit denen in einer Mannschaft zu spielen.“

Und jetzt, all ihr Ehliz-San, Schüle-San, Pföderl-San und Pfleger-Sans: Linke Hand auftragen. Rechte Hand polieren. Einatmen durch Nase, ausatmen durch Mund. Auftragen, polieren.

3 Kommentare in “Spiel 7: Sieg Nummer sieben

  1. Klasse Blog, klasse Artikel, den man auch als Münchner Anhänger gut finden muss. Was hier in Bezug auf euer gestriges „Opfer“ 😉 drin steht, entspricht m.E. zumindest zurzeit den Tatsachen. Und Reimer kann einmem wirklich leid tun. Das war im Spiel vergangene Woche gegen Schwenningen fast noch schlimmer. Da hat es zuerst den jungen Reich erwischt, der von der Defense im Stich gelassen und nach nur vier Minuten von Reimer ersetzt wurde. Was dann an 2 auf 1 oder Alleingängen / Kontern auf Reimer zulief – da waren wir mit fünf Gegentoren noch gut bedient. Genauso wie gestern Abend, zumindest im ersten Drittel. Da hab ich nach den ersten Minuten das schlimmste befürchtet 😉

    Grüße aus München

  2. Yep – super Blog. Kleiner Edit – der Schiri heisst Lars „ich spiel im Aufbau-gerne nen Fehlpass als letzter Mann“ Brüggemann, wie es auch unten steht und nicht der glückliche wie es oben steht. Ich find ihn mit Ausnahme des Münchenspiels wesentlich besser als als Stay-at-home Defender der Tiger Ende der 90er.

  3. „Wahnsinn, begeisternd, unglaublich“ Passt scho, kann man da mal schreiben, wenn es stimmt!

    Frage an den Autor: Warum steht eigentlich unter dem Bericht in der NN kein Autoren-Name?
    So schlimm ist „Wahnsinn, begeisternd, unglaublich“ auch wieder nicht 😉

    Frage (stellvertretend an dieser Stelle) an die NN-Sportredaktion, die mich schon lange quält:
    Warum ist die erste Seite des Sportteils einer REGIONALEN Tageszeitung mit DPA und SID Texten zur ChampionsLeague, die man so (beliebig) auf x-Seiten in diesem Internet-Dings lesen kann zugekleistert und der Sport mit regionalem Bezug, mit Artikeln von eigenen Autoren (und natürlich auch Bilder), folgt erst danach, in deutlich geringerem Umfang?

    Ich würde mich als sehr Internetaffin einschätzen, schätze es aber durchaus eine Zeitung aus Papier in der Hand zu halten, deshalb bin ich immer wieder verwundert und nahezu besorgt, warum, speziell die NN (und ihre Schwesterblätter) so wenig Wert auf die eigentlich Stärke „lokale Präsenz“ legen und sich so (leider) selbst zunehmend überflüssig machen (wollen?).

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