Ein Workout mit Martin Jiranek

Martin Jiranek ist zurück. Auch wenn es noch Monate sind bis zum ersten Saisonspiel und man momentan eher an Freibad als an Eishockey denken kann – Jiranek hatte jetzt seinen ersten Auftritt als neuer Sportdirektor. Als Stargast und Workout-Instructor im Luitpoldhain.

Der Schmerz kommt erst am nächsten Morgen, beim Aufstehen. Die Oberschenkel fühlen sich an, als wären sie über Nacht zu diesen porösen, ausgeleierten Gummis der alten Einmachgläser geworden, die meine Oma zu Dutzenden im Kellerregal stehen hatte. Gemüse aus dem Garten hatte sie da reingefüllt, das vom stundenlangen Kochen längst jede Farbe verloren hatte und vor sich hin gammelte auf staubigen Holzbrettern hinter dem Blümchenvorhang. Und, ehrlich gesagt, es würde mich nicht wundern, könnte ich an diesem Morgen in meinen Körper blicken, es würde da drin wohl ähnlich aussehen: Muskeln, Sehnen, Bänder – farblos, teigig, aus der Form geraten, übersäuert von den vielen explosiven Sprüngen aus dem Grätschstand, aus der Hocke, aus dem tiefen Stütz, vom Vorabend mit Ice-Tigers-Sportdirektor Martin Jiranek.

„Zwölf Stück machen wir, oder nein, sagen wir zwanzig, ok?“, hatte er über die Lautsprecher auf den sonnigen Luitpolthain gerufen, Bässe wummerten dazu. Er war der Stargast bei „Nürnberg goes fit“ – zuvor hatte noch eine Pilates-Instructorin, die genau so aussah, wie man sich jemanden ausmalt, der sich Pilates-Instructorin nennt, zu Südseebeats Bauch, Beine, Po der Feierabend-Sportler in Schuss gebracht. Sie oben auf der Bühne, hinreißend elegant und stets im Takt, Bein hoch, Bein runter – man hätte ewig zusehen können. Dann kam Martin Jiranek vom Parkplatz herüber und, wahrscheinlich bildete man es sich nur ein, der Himmel verfinsterte sich ein wenig.

„Normalerweise mache ich das vor zwanzig Profis“, sagte er. Es wäre der Moment gewesen, an dem man am besten wieder gegangen wäre. Die bevorstehenden Übungen, erklärte er nämlich, entstammen den Trainingsplänen der Junioren-Nationalteams, Bewegungen, die man in den Krafträumen und Folterkammern der Leistungszentren und Eishockey-Teams macht. Und selbst da nur unter Stöhnen. „Nach jedem Training bin ich klatschnass geschwitzt“, sagte Jiranek, der 551 DEL-Spiele bestritt, dutzend Rekorde in dieser harten Männersportart aufstellte.

Auch Claus neben mir hätte jetzt einfach seinem Instinkt folgen sollen; der untersetzte IT-Fachmann, er hatte wie die vielen jungen Mädchen, die bei „Jiranek“ zu allererst vielleicht an einen neuen Kajal-Stift denken, seine Gummimatte nach der Pilates-Stunde wieder eingerollt.

Doch dann fing Jiranek an zu plaudern, dort oben auf der Bühne, mit seinem „süßen Dialekt“, wie ein Girlie seiner Freundin zuflüsterte, und die Matten wurden wieder ausgerollt. Mal sehen, was da kommt. Was hatte man schon von einem Kajalstift-Instructor zu erwarten.

Die 160 Frauen und Männer, Kinder und ein, zwei Hunde, jubelten und bellten laut, als Jiranek seine Übungen begann und zum Nachmachen aufforderte. Doch schnell wurde allen klar: Niemand auf dieser Wiese würde jemals das Zeug zum Eishockey-Profi haben – Claus nicht, die Girlies nicht. Und, leider, auch ich nicht.

Während bald Schweiß wie ein Gebirgsbach über mein Gesicht lief und vom Kinn in den trockenen Rasen tropfte, Jiranek gutgelaunt über sein Mikrofon die Wiederholungen herunterzählte, ein leichter Windzug den scharf-süßlichen Geruch aus dem Achselbereich von Claus hinüberblies, und Karin, die untersetzte Mutter eines Nachwuchs-Eishockeyspielers hauchte: „Is` anstrengend, hm?“ – da wusste ich, was es heißen muss, durch die Hölle einer Eishockey-Vorbereitung zu gehen.

Mich packte jetzt der Ehrgeiz, ich hüpfte und zog in der Luft, wie befohlen, die Knie zu den Händen, fühlte mich, als spränge ich meterhoch – auch wenn es nur zehn, zwölf Zentimeter waren. Ich ließ mich hinunterfallen, bis die Grasnarbe meine Nasenspitze kitzelte, stemmte mich wieder hinauf und fühlte mich bald, als wäre ich NHL-Star Steve Yzerman, von dem Jiranek auf der Bühne erzählte, er könne unfassbare 32 Minuten in dieser tiefen Abfahrtshocke verharren, die ich vor allem aus Toiletten von italienischen Campingplätzen kenne.

Als die abschließende Liegestütz-Übung geschafft war, man sich mit zitterndem Bizeps auf den Rücken rollte und hinaufsah zu den friedlich ziehenden Wolken vor dem stahlblauen Himmel, sich Jiranek fürs Mitmachen bedankte und mit nassem Hemd verabschiedete, da war man mächtig stolz. Und, ja, irgendwie auch glücklich. Der Schmerz, der kam schließlich erst am nächsten Morgen.