Man reiche mir den Kotzeimer!

Wenn man sich nur noch unter Schmerzen auf die Kloschüssel setzen kann, in einer Konferenz einschläft und allein in den Augenlidern keinen Muskelkater hat (vielen Dank, werter Roman, für diesen Gag), dann dämmert einem allmählich, dass es keine gute Idee war, mal auszutesten, wie hart Eishockey-Profis tatsächlich im Sommer trainieren.

An dieser Stelle kann ich ja schreiben, was ich mich hier nicht getraut habe: Deutsche Eishockey-Profis trainieren im Sommer zu wenig oder zumindest nicht professionell, nicht zielgerichtet, nicht effizient genug. Das war bis zu diesem Montagmorgen meine Meinung. Interessant ist, was Jeff Tomlinson zu dieser Meinung schreibt (noch ein Dank an Roman für die schnelle Übermittlung):

German players are training hard in the sommer, this has improved over the last few years with emphasis being more and more on the fitness for every team and individual. In some countries, most of the players live in the town they play in all year round and that way they have a bigger training group in the summer. We also have everyone on our team working out in the summer, it is a little bit of a misconception that they train more than we do, just because Connor James or Yan Stastny are in North America, doesnt mean they are not working out. The players have a much needed break from the coaches and each other but they still work out everyday. Our players also have a couple of weeks off in the summer where they go on vacation with their families, the rest of the time they spend in training groups in the cities that they spend their summers and we control this with phone calls and conversations to see how the training is going. I have been back to Germany this summer and have seen our players training and they are very motivated and working hard. I have noticed a big difference in the shape the players are showing up for camp in, the fitness level has improved greatly over the last 5 or 6 years. It used to be that players came to camp to get into shape, now they show up for camp in great shape. There is a fine line between a great fitness level and burnout syndrome, we have to remember that it is the combination of hard work in your training sessions and regeneration and rest. Rest is not to be taken lightly in such an intense sport, it is as important as the workouts themselves. I hear stories all the time of players working out with their teams for for the whole summer and working out 4 to 5 hours per day. The body could never do 4 to 5 hours of intense work and my philosphy is intense workouts, even if the work out is only 45 minutes to an hour…you get more out of a short intense workout than a long pacing yourself workout, especially for hockey. I have been to Finnland and witnessed summer testing with one of the biggest clubs in Finnland, our test scores were as good if not better in some cases.

Nun war ich bislang ein leichtgläubiges Opfer bewusst gesteuerter Glorifzierung des nordamerikanischen Sommertrainings. Ich kann mir stundenlang Youtube-Videos von Gary Roberts‘ High Perfomance Workout anschauen. Und natürlich ist mir auch der Puke Bucket (hier bei 2:59) nicht entgangen, auf den Ice Tigers-Neuzugang Casey Borer bereits seinen Namen hat schreiben dürfen (quasi der Stanley Cup der Fitnessfeaks). Dass Tschechen, Finnen und Schweden beinahe das ganze Jahr auf dem Eis trainieren, fand sich schon immer beeindruckend. Zudem habe ich bei allerdings schon länger vergangenen Nürnberger Off-Ice-Trainingseinheiten zu viele Bewegungslegastheniker beobachten müssen. So ganz hätte mich also auch Jeff Tomlinsons Beitrag nicht überzeugt, wenn ich nicht in einem bei mir nicht seltenen Anfall von Größenwahn gemeint hätte, am CrossFit-Training der Ice Tigers teilnehmen zu müssen.

Dieser Blog-Eintrag soll sicher keine Werbung sein für ein meines Erachtens sehr clever vermarktetes Fitness-Phänomen. Aber soll ich verschweigen, dass diese eine Stunde am Montagmorgen unerwartet arg wehgetan hat und hart und anstrengend, also einfach großartig war?

An diesem Montagmorgen habe ich Muskeln aktiviert, die seit über einem Jahrzehnt nicht mehr angesprochen worden sind. Seit diesem Montagmorgen spüre ich Muskeln, von denen ich nicht wusste, dass sie existieren. Und das schreibe ich voller Zufriedenheit, obwohl es natürlich demütigend war, dass ich die Übungen zum Schutz meiner körperlichen Unversehrtheit nur mit einem Kindersandsack und nur die Hälfte der Wiederholungen machen durfte. Für das zentrale Element (100 Hocksprünge, 20 Kniebeugen mit Sandsack auf der Schulter (Variante 1), 50 Hocksprünge, 20 Kniebeugen mit Sandsack über gestreckten Armen (Variante 1), 50 Hocksprünge, 20 Kniebeugen mit Sandsack vor der Brust (Variante 2) und zum Abschluss noch einmal 100 Hockspünge) brauchten Tim Schüle, Steven Rupprich und Vitalij Aab 12 bis 14 Minuten. Ich war nach 13 Minuten fix und fertig – mit der Hälfte des Programms und dem Kindersandsack. Weils grad so schön in den Oberschenkeln gebrannt hat, haben die Ice Tigers dann noch ein knackiges Krafttraining drangehängt. Um die Fitness dieser Jungs muss man sich jedenfalls keine Sorgen machen – und somit um die Fitness der gesamten Ice Tigers-Mannschaft auch nicht.

Noch ein Beitrag von Jeff Tomlinson:

CrossFit training, I’m a big fan! This type of training is ideal for hockey, using your whole body, short very intense workouts!    
Ich bin jetzt auch Fan – allerdings mit genügend triftigen Gründen, mich nicht anzumelden. Zum Abschluss und zur Motivation noch Bewegtbildmaterial (tut mir leid, ich bin nunmal sehr empfänglich für US-amerikanisches Pathos):
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