Sorry, Thomas Broich

Plötzlich ist er wieder allgegenwärtig. Thomas Broich im Aktuellen Sportstudio, in der FAZ, in 11 Freunde, in der Zeit, im Kino, in unserer Zeitung. Vor einem Jahr war das noch ganz anders. Thomas Broich war zwar beim 1. FC Nürnberg angestellt, aber eher passives Mitglied. Und wenn er am Abend des Spieltags öffentlich Musik hören wollte, bekam das keiner mit – oder zumindest fast keiner.

Manchmal war sogar in der Stadt, in der Thomas Broich laut Süddeutscher Zeitung nicht leben wollte, ein bisschen was geboten. Die großartigen Hidden Cameras, Lieblingsband eines weitaus bekannteren Fußballers, waren in den MUZ-Klub gekommen, am Abend nachdem Broichs Arbeitgeber 1:2 beim SC Freiburg verloren hatte. Broich stand zwar noch nicht einmal im Aufgebot – und trotzdem fühlte er sich ertappt, als ich ihn arglos ansprach.

Der Club hatte verloren. Broich hatte ein Erzeugnis Schwarzwälder Braukunst in der Hand, so wie viele an diesem Abend. Die Hidden Cameras sind eine bekennend homosexuelle Band, was aber zwangsläufig nicht auch für ihr Publikum gilt (und für all jene, die hinter diesem Satz albernerweise tatsächlich das erste, aus welchen Gründen auch immer lang erwartete Outing eines Bundesliga-Fußballers vermuten, verweisen wir auf ein Interview, das der nette Kollege von der Bildzeitung geführt hat). Der Profi außer Dienst hatte demnach viele Gründe, vorsichtig auf die Annäherung eines Journalisten zu reagieren. Broich aber reagierte nicht nur vorsichtig, auch nicht nervös. Broich reagierte gehetzt, hatte Angst davor, sich am Montag danach mit der Bierflasche in der Hand in der Zeitung zu sehen, nahm mit sichtbaren Entsetzen zur Kenntnis, dass ihm ein Abend in der Annonymität verdorben worden war.  Und wahrscheinlich ist ihm das nicht zum ersten Mal passiert.

Schuld war ich, weil ich Broich zu seinem außergewöhnlich guten Musikgeschmack gratulieren wollte. Weil sich Broich aber nicht gratulieren lassen wollte, hatte ich mir auch selbst den Abend verdorben. Nach unserem Gespräch meinen Beschwichtigungsversuchen zog sich Broich an die Bar zurück, nicht weil er sich weitere Erzeugnisse Schwarzwälder Braukunst zuführen wollte, sondern weil es an der Bar noch ein wenig dunkler war. Irgendwann, die Hidden Cameras mühten sich noch immer vergeblich, die eigene Euphorie aufs Publikum zu übertragen, war Broich verschwunden. Ich dann auch, noch lange vor der Zugabe.

Broich bat mich darum, nichts über diese Begegnung zu schreiben. Nicht für die Montagsausgabe, nie. Genau das habe ich ihm auch versprochen. In diesen Tagen aber musste ich oft zurückdenken an diesen freundlichen, aber eingeschüchterten Menschen. Und weil er so gar nichts gemein hatte, mit dem selbstbewussten, eloquenten, ausgeglichenen, plötzlich wieder allgegenwärtigen australischen Meister, breche ich mein Versprechen, weil diese kleine Geschichte zeigt, wie sehr sich der hochveranlagte Fußballer und wache Mensch Thomas Broich in der Rolle als Bundesligaprofi gefangen fühlte.

Ende Mai habe ich das Vergnügen, nach Brisbane reisen zu dürfen. Sollte mir dann Thomas Broich über den Weg laufen, werde ich ihn sicher nicht wieder ansprechen.

2 Kommentare in “Sorry, Thomas Broich

  1. Wieder ein Beispiel dafür, was für eine unheimliche Macht die Medien nicht nur in der Politik, sondern inzwischen auch im Sport haben.

Kommentare geschlossen.